Osterpredigt und Karfreitagspolemik für die Dekonvertierten: 2000 Jahre. Immer noch tot.

Ach, Karfreitag. Der ganze Okkultismus, der um die Welt schwappt. Inklusive Event-Tourismus (Kreuztragen auf dem Original-Kreuzweg, echt echt) und Wellness-Kreuzigungen für die wirklich Gestörten Hartgesottenen. Dazu Theologen, die mal wieder entdecken, dass das so metaphorisch mit der Religion und Gottesbild doch nicht gemeint war, oder sich in Unklarheiten winden müssen, gegen die pseudophysikalische Esoteriken über Schrödingers Katze erfrischend rational wirken. Und der unablässige Schwall von Predigten, dass man sich von der Realität des Todes doch nicht das Leben kaputtmachen lasse. Sicher, Freunde. Dann muss sie wohl wahr sein, eure Religion. So gemein kann das Leben zu euch doch nicht sein. Ausgerechnet zu euch.

Na bitte. Am Berliner Karneval nehm ich ja auch nicht teil, auch wenn die Art von Jecken mir ihre Albernheiten immerhin nicht als höhere Weisheit verkaufen, sondern sich nur mal wieder ordentlich zuschütten will. Das Hinforttrinken höherer Gehirnfunktionen soll im Umkehrschluss allerdings auch religiöse Verzückung zu steigern im Stande sein. Aber dagegen gibt’s Gesetze. Den ach so empfindlichen Christen ist es ja nicht zuzumuten, für sich alleine ihren Aberglauben zu feiern, die fühlen sich ja schon beleidigt bis verfolgt, wenn jemand anderer sich einen Dreck drum schert und lieber lustig sein will. Obwohl Jesus tot ist (aber, pst, nicht wirklich). Alles verbieten! Gottloses Pack. Ab nächster Woche tun wir dann wieder so, als wäre Religion die Krönung der Philosophie mit anderen Mitteln.

Nur mal so als Information, liebe Christenheit. Eure intellektuelles Trauerspiel an Religion ist peinlich. Werft euch auf den Boden und klagt darüber, wie Scheiße es ist, dass auch ihr alle mal sterben müsst, bitte. Aber erzählt danach keinem, dass ihr das aus rationalen Beweggründen getan habt, weil ihr zu eurer Gottesphantasie ein persönlicheres, realeres Lebensverhältnis habt als zu eurem Denkzentrum. Und hört auf, dann noch zu behaupten, dass historische Forschung eure mythologischen Feuchtträume bestätigen würde. Das tut sie nicht. Das tat sie nie.

 

Womit wir zu der wesentlich rationaleren Predigt für diese Festivaltage des Osterokkultismus kommen. Richard Carrier schreibt eine wissenschaftliche Abhandlung über den Kernpunkt des christlichen Glaubens, die Wiederauferstehung, und wie es um die historischen Fakten wirklich bestellt ist. Über all die geschichtlichen Mythen, die von Christen, die sich dabei total nüchtern und aufgeklärt und clever vorkommen, in die Welt gesetzt werden, und wie man die aus geschichtswissenschaftlicher Sicht zu bewerten hat, wenn einem nicht die eigene Religion das Zweifeln und Selbstdenken verbietet.

But reasons to be skeptical do not stop there. We must consider the setting–the place and time in which these stories spread. This was an age of fables and wonder. Magic and miracles and ghosts were everywhere, and almost never doubted. I’ll give one example that illustrates this: we have several accounts of what the common people thought about lunar eclipses. They apparently had no doubt that this horrible event was the result of witches calling the moon down with diabolical spells. So when an eclipse occurred, everyone would frantically start banging pots and blowing brass horns furiously, to confuse the witches’ spells. So tremendous was this din that many better-educated authors complain of how the racket filled entire cities and countrysides. This was a superstitious people. (…) For on the same quality of evidence we have reports of talking dogs, flying wizards, magical statues, and monsters springing from trees.

In analytischem und außerordentlich höflichen Ton geht es um all die Angeblichkeiten, mit denen immer wieder die Historizität der Auferstehung behauptet wird: die historischen Zeugnisse, das angebliche Martyrium der Augenzeugen, die Verlässlichkeit der Evangelien und der Paulinischen Berichte:

And, ultimately, the Gospels match perfectly the same genre of hagiography as that life of Genevieve with which I began. There the legends quickly arose, undoubted and unchallenged, of treeborn monsters and righted ships and blinded thieves. In the Gospels, we get angels and earthquakes and a resurrection of the flesh. So we have to admit that neither is any more believable than the other.

Richard Carriers Essay ist eingebunden in eine Vielzahl von Querverweisen und Literatur zu anderen historischen Untersuchungen über religiöse Behauptungen und die heiliggesprochenen Schriften, was ich im Gesamten nur empfehlen kann. Für jeden Interessierten sollte das wohl ausreichen, über Ostern genug zu lesen zu haben.

 

Ich selber werde vermutlich weniger posten bis Montag: ich habe hier noch eine längere Erwiderung zu schreiben, und ansonsten Anhang zu Besuch. Der kommt natürlich auch aus religiösen Gründen: der Verein ist in der Stadt und dem will gehuldigt sein, da lassen wir uns das Feiern doch nicht verbieten. Eschatologische Gerechtigkeit und die Überwindung des Todes haben wir schließlich auch:

Tausend Freunde, die zusammenstehn.
Dann wird der FC Schalke niemals untergehn.
(”Blau und Weiß”)

Und mit Kevin Kuranyi im Sturm ist jeder Spieltag wie Karfreitag. Zumindest ähnlich schmerzhaft anzusehen. Wiederauferstehung manchmal inklusive.

 

4 Responses to “Osterpredigt und Karfreitagspolemik für die Dekonvertierten: 2000 Jahre. Immer noch tot.”

  1. Die höchste Instanz in der Naturwissenschaft ist das Experiment. Eine wesentliche Eigenschaft des Experiments ist die Wiederholbarkeit.

    Wunder sind singuläre Ereignisse und fallen somit nicht in die Kategorie der Naturwissenschaft.

    Bei historischen Untersuchungen kommt es immer auf die Glaubwürdigkeit der Zeugen an. Somit wird es immer zwei Lager geben: die, die der Kirche glauben und die, die ihr nicht glauben.

    Ist aber nicht der geringste Grund, deswegen Krieg zu führen.

    meint
    Christoph

  2. Ach, ein Krieg sieht meiner Anschauung nach etwas anders aus…

    Die Auseinandersetzung mit den Zeugnissen findet sich in dem verlinkten Essay. Was übrigbleibt ist die Feststellung, dass immer Leute unterschiedliche Ansichten haben werden und dass Wissenschaft nun mal nichts definitiv widerlegen kann. Das sind dann aber auch die Zuflüchte jeder Esoterik, jedes Aberglaubens, jeder Religion mit ihren sich gegenseitig widersprechenden Ansprüchen.
    Wenn Du also an Zauber glauben willst, kannst Du das tun. Ist aber kein Grund für mich, nicht darauf hinzuweisen, dass es sich um Zauber handelt, mehr nicht. Und das persönlich zu bewerten.

  3. Da hast Du recht, ein Krieg sieht wirklich anders aus.

    Und wenn wir von der Auferstehung reden, möchte ich hier auch ein wenig relativieren, denn ist es nicht manchmal wichtiger, die Frage “Glaubst Du an ein Leben VOR dem Tod?” zu beantworten als die Frage “Glaubst Du an ein Leben NACH dem Tod?”. Jedenfalls führt mich meine Erfahrung mit meinem eigenen Selbstmordversuch und auch mit dem meiner Frau in diese Richtung.

    ;-) Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich ein Mitglied der katholischen Kirche bin, und bis zu einem gewissen Grad Loyalität übe.

    meint
    Christoph

  4. Ich empfinde ja Antworten über das NACH oft als verwirrend, weil dieselben Leute mir danach meistens Antworten über das DAVOR erzählen wollen. Letzteres mag dann mal mehr, mal weniger sinnvoll sein, aber da gibt’s dann schon etwas inneren Widerstand: warum dieser Märchenkram, wenn nicht deswegen, weil man den eigenen Argumenten über das eigentlich relevante nicht traut.

    Loyalität ist übrigens auch nur eine Sekundärtugend ;)

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