Eugenik: Geschichtsklitterung und -vergessenheit

Im Jahr 1786 erfand die Wissenschaft den modernen Spaten. Praktisch zeitgleich wurde den Menschen klar, dass die neue Erfindung es viel einfacher und effektiver machen würde, Löcher zu graben. Doch bereits 7 Jahre später nutzte der Bischof von Holstein einen solchen Spaten, um damit die ihm untreu gewordene Haushälterin zu erschlagen. Die Kirchen heute sind sich allgemein einig, dass ohne die atheistisch-naturalistische Erfindung des Spatens den Menschen sehr viel Unheil erspart geblieben wäre.

Mit ähnlich absurden Empfinungen steht man als Naturwissenschaftler manchmal vor populärreligiösen Anmutungen über die ethischen Auswirkungen wissenschaftlicher Erkenntnis. Aus einer diffusen Furcht, die Erklärung der Welt ohne Rückgriff auf Gott mache auch die ethischen Ansichten überflüssig, die Religionen sich heute angeeignet haben und als originär religiös behaupten, verneinte sie vielleicht sogar, werden wirre Geschichtsphantasien als reale Historie ausgegeben. Im Zentrum der Furcht steht, wie so oft, die Biologie, die den Menschen angeblich entwerte, indem sie ihm seinen biologischen Ursprung erklärt. Warum sollten wir uns nicht wie Tiere verhalten, wenn wir doch nur Tiere sind? [1] Im Extremfall mündet das in Behauptungen über die gerade Linie, die von Darwin zu Hitler geführt habe, so denkpervers, dass man gleichsam auch von der geraden Linie sprechen könnte, die von Galilei zur Guillotine geführt haben möge oder von Gay-Lussac in die Gaskammern: als sei das Ausrotten unliebsamer Zeitgenossen jemals auf wissenschaftliche Erkenntnis angewiesen gewesen, als hätte man in den frühen 1930er Jahren einen wissenschaftlichen Durchbruch gefeiert, die Juden nicht mehr nur als Religion, sondern dazu auch als eigenständige, verabscheuungswürdige Rasse zu diffamieren.

In abgemilderter Form, wenn auch genauso falsch, wird heute oft so getan, als hätte die Biologie die Eugenik zu verantworten, als stände nur die Kirche als Bastion des lebenserhaltenden Humanismus vor der szientistischen Rassenhygiene. Aber Geschichte war nie so einfach. Tatsächlich verändern wissenschaftliche Erkenntnisse natürlich unser Welt- wie auch unser Selbstbild. Aber sie kann keine Vorgaben machen, welche gesellschaftlichen und kulturellen Schlüsse man daraus ziehen soll. Sie wird zwangsläufig von Gesellschaft interpretiert, aber ist ihrerseits auch nur Teil der Gesellschaft und kann auch gegen sie nichts durchsetzen. Man stelle sich vor, morgen würden zweifelsfrei gefunden, dass blondhaarige, hellhäutige Menschen einen leicht geringeren durchschnittlichen IQ als Farbige hätte: wir würden es als Kuriosität abtun, das Konzept IQ anzweifeln und ein paar selbstironische Medienkolummnen verfolgen dürfen. Im gegenteiligen Fall, Schwarze im Durchschnitt leicht weniger intelligent als Weiße, hätten wir schwer bedächtige Politikerstatements zu erwarten, banaldemokratische Talkrunden bei Illner und Will über das Problem und wären gefühlt vermutlich nicht weit vom Ausrufen eines nationaler Krokodilstränen-Notstands-Komitees entfernt, wie wir denn mit diesen so bedrückenden Ergebnissen umzugehen hätten. Es ist der schon in der Gesellschaft befindliche Rassismus, die schon existierenden Werturteile, die die Perzeption wissenschaftlicher Ergebnisse bestimmen.

Als die Biologie schließlich das Bild widersteitender Populationen entwarf, deren Chancen aufs Überleben sich nach ihrem biologischen Vermögen richtete, wie hätte es in einer Zeit der nationalstaatlichen Konflikte, des Nationalismus, der nationalen Ehre nicht interpretiert werden sollen als Abbild der staatlichen Auseinandersetzung? Wie hätte man nicht auf die Idee verfallen sollen, die Nation biologisch für den nun “wissenschaftlich” unausweichlich empfundenen Kampf zu stärken, indem man die Fortpflanzung der “Geeigneten” förderte und die der “Ungeeigneten” unterband? Die Idee war noch nicht mal neu: man hatte “Irre” schon immer weggesperrt und damit nicht nur in ihrer Freiheit sondern in ihrer Fortpflanzung eingeschränkt.

Vor allem war die entstehende Diskussion aber eben keine zwischen gottvergessenen Szientisten und der aufrechten Kirche. Selbstverständlich gab es Wissenschaftler, die sich ebenfalls für Eugenik begeistern konnten, was kaum anders sein konnte: auch Wissenschaftler teilen zu einem guten Teil die Paradigmen ihrer Zeit. Und wie immer, wenn man ein Ziel hat, braucht es auch der wissenschaftlichen Bestimmung des Weges. Aber der gesellschaftliche Konsens, die Nichthinterfragung des Ziels, war nicht wissenschaftlicher Natur. Eugenik wurzelte neben den informierenden Wissenschaft ebenso in Politik, Rechtsverständnis — und auch Religion:

eugenics evolution religion

So überrascht es nicht, dass es auch in den Kirchen starke Befürworter eugenischer Überlegungen gab. Insbesondere wurden diese auch dadurch begründet, dass Geisteskrankheit aus kirchlicher Perspektive eng mit “moralischer Verkommenheit” in Zusammenhang stand (auch wenn sich die Richtung der Kausalität im Laufe der Zeit weitgehend umdrehte): der eugenische Ansatz wurde so auch dadurch gerechtfertigt, dass man damit hoffte, Prostituition bekämpfen zu können.

Die Maßnahmen, die Kirchen zur Eugenik propagierten, bezogen sich weitgehend auf das Internieren von Betroffenenen. Aber auch da gab es Unterschiede, und zumindest in den späteren 1920er Jahren befürwortete sowohl die protestantische wie die katholische Kirche in Deutschland die freiwillige Sterilisation, z.B. auch aus rassischen Gründen [Google Buchsuche]. Und der Moraltheologe Dr. Joseph Mayer hatte auch keine Probleme damit, direkt die Tötung zu verlangen:

Die Geisteskranken, die moralisch (!) Irren und andere Minderwertige haben so wenig ein Recht, Kinder zu erzeugen, als sie ein Recht haben, Brand zu stiften.

Das ist nicht stellvertretend für die Kirchen im deutschsprachigen Raum, die sich zumeist gegen Zwangsmaßnahmen und insbesondere Euthanasie wandten, auch wenn diese in einzelnen christlich geführten Stätten sehr wohl stattfand. Aber Eugenik ist ja auch nicht Euthanasie, und nur die wenigsten Eugeniker haben jemals diese befürwortet — spätestens hier muss man dann trennen, worüber man dann eigentlich spricht:

Die katholische Kirche Österreichs lehnte eugenische Zwangsmittel wie Sterilisationen und Abtreibungen klar ab; trotzdem folgte die kirchliche Familien- und Sexualethik eugenischen Grundgedanken und verstand sich nach Löscher als die „bessere Eugenik“.

und:

Eine Vertreterin der „katholischen Eugenik“, die mittels Eheberatung und Propagierung eines katholischen Ehe- und Familienideals die Ziele der Eugenik unter das Volk zu bringen versuchte, war beispielsweise die St. Lukas-Gilde, eine katholische Ärzteschaft, die durch entsprechende Reformen einen vermeintlichen Degenerationsprozess in der Bevölkerung aufhalten wollte.

Dabei geht es hier nicht darum, Eugenik jetzt als kirchliche Veranstaltung darzustellen, was absurd wäre. Es geht um die Aufklärung, dass Eugenik eine sich durch die Gesellschaft ziehende Interpretation war, die sich zwar auf Wissenschaft stützte, auch von Wissenschaftlern mit wissenschaftlicher Arbeit gefördert und informiert wurde, die aber nicht Ausgeburt der Wissenschaft an sich war, sondern einer Gesellschaft, in der die Folgerungen so unbestreitbar schienen, dass sich auch nicht die Kirchen ihrer entziehen konnten. Vor allem aber ist die Geschichte, dass atheistische Wissenschaft ins Unheil geführt und die Kirchen dagegen heroischen Widerstand geleistet hätten, nicht die historische Realität. Die Kirchen, insbesondere die katholische aus ihrer ganz eigenen Einstellung zu Sexualmoral heraus, sind in vielen Dingen nicht den politisch durchgesetzten Weg mitgegangen, etwa Zwangssterilisationen in Kanada oder dem (letztlich ebenso eugenisch motivierten) Verbot von gemischten Ehen in den USA, haben aber auch da nicht den Widerstand geleistet, mit dem sie sich oft schmücken. Der Eindruck entsteht heute, weil man die eigentliche eugenische Bewegung nicht mehr vom Massenmord der Nazis an Behinderten trennen kann: aber für den dann Wissenschaftler verantwortlich zu machen, ist eine Geschichtsverfälschung, wie man sie nicht vornehmen kann, ohne dadurch seinen Ruf als rationaler Gesprächspartner zu verlieren. Und er entsteht, weil immer noch zu viele sich blenden lassen von der humanistischen Ausschmückung moderner Kirchenethik, die Glauben als gut, unvermeidlich und menschennah darstellt und am liebsten auch in alle Vergangenheit projezieren will: an sowas schlechtem wie Eugenik kann Kirche doch nie beteiligt gewesen sein…

Zumindest der Eugenik nahestehende Ansichten gibt es heute weiterhin, wenn auch wenig darüber gesprochen wird. Schon allein, weil der Grundgedanke der Eugenik eben nicht nur der nach nationalstaatlicher Dominanz war, sondern auch der nach Verminderung des Leidens. [2] Wer den Gedanken rundheraus ablehnt, dass man nach Möglichkeit Kinder nicht mit schweren Erbkrankheiten belasten sollte, der kann sich genauso an Organisationen wie Dor Yeshom abarbeiten, die für jüdische Paare Gentests anbietet, um sie zu informieren, wie groß die Gefahr ist, dass Kinder eine der unter Juden verbreiteten genetischen Krankheiten wie das Tay-Sachs-Syndrom vererbt bekommen. Oder er mag an einen Verfassungsrichter seiner Wahl schreiben, nachdem das BVG gerade das Inzestverbot bestätigt hat, unter anderem mit Rückgriff auf die erhöhte Gefahr genetischer Schädigung bei Nachkommen.

Wir fördern auch heute nicht sexuelle Kontakte zwischen Schwerstbehinderten, realistisch würde ich eher annehmen, dass wir diese eher zu verhindern versuchen; auch in entsprechenden Heimen; auch unter kirchlicher Leitung. Mitunter auch mit guten Gründen jenseits der unmittelbaren Gesundheit der Kinder. Wer sich heute ganz generell über die Gedanken der Eugenik erregen will, sollte sich vielleicht dennoch an dem Beispiel zuerst versuchen.

[1] Vermutlich, weil wir nicht nur Tiere sind, was die Biologie sowieso nicht behauptet: wir sind eine Art von Tieren, eine sehr spezielle. Und in manchen Bereichen wäre es vielleicht sogar humaner, wenn sich Menschen mal wenigstens wie Tiere verhalten würden und nicht systematisch schlechter.

[2] Insofern beziehen sich die neuen Ansätze eben hauptsächlich auf die individuellen Gefahren, nicht mehr auf die Auswirkungen der Gesellschaft, auch wenn sich beides nur theoretisch so eindeutig voneinander trennen lässt. Und hinzugefügt werden sollte spätestens hier, dass die traditionelle Eugenik auch weniger motiviert war, selbst den Übermenschen zu schaffen oder die Übergesellschaft, als dass man vielmehr angesichts des Bevölkerungswachstums, insbesondere der vermeintlich niederen Schichten, eher die Gefahr nach Verblödung der Nation sah: Idiocracy-like.

[add] Das Bild oben habe ich übrigens über futur:plom gefunden, ähm: Enjoying das Future.

5 Responses to “Eugenik: Geschichtsklitterung und -vergessenheit”

  1. [...] Kamenin schlägt wieder zu und widmet sich diesmal dem Thema Eugenik. Absolut lesenswert - Eugenik: Geschichtsklitterung und -vergessenheit. [...]

  2. Hi!

    Ziemlich schlüssig finde ich.

    Zu letzteren Fragen: es kommt immer auf das Maß an und darauf wie, bzw. ob gewisse Handlungen ideologisch gefärbt sind. Gentests zu machen, um Risiken einzuschätzen, zu schauen, ob die Blutgruppen kompartibel sind, damit keine Gefahr bei der Schwangerschaft auftritt, finde ich nur verantwortungsbewusst und vernünftig. Es geht ja darum, das beste für alle Beteiligten zu machen und nicht, irgendwem zu schaden. Ob man das Risiko dennoch eingeht bleibt ja den Beteiligten selbst überlassen. Somit finde ich die Inzestdebatte auch ziemlich heikel. Einerseits stößt der Fall aus Sachsen bei mir auf sehr viel Unverständnis und Widerstand, andererseits denke ich, dass pure Moralvorstellungen und die Vorbeugung genetischer Erkrankungen nicht die Basis eines solchen gesetzlichen Verbotes sein.

    Zu Deiner Beispielstudie mit dem IQ fällt mir eine winzige Geschichte ein:
    Als ich meine Facharbeit zum Thema Rassismus in den USA geschrieben habe, habe ich mich auf solchen usamerikanischen Seiten herumgetrieben, um zu sehen, wie diese versuchen, den Leser von ihrer Ideologie zu überzeugen. Dabei wurde auf einer dieser Seiten eine Studie veröffentlicht, die an irgendeiner kanadischen Uni gemacht wurde. Ja, diese Studie sollte ein für alle Male von “jüdischen und kommunistischen” Lügen befreien und der ultimative Beweis dafür sein, dass weiße Männer, doch die “Krone der Schöpfung” sind. Es ging um die durchschnittliche Penisgröße aller ethnischen Gruppen. Dieser Studie zu Folge hatten weiße Männer den Größten, nicht die farbigen. In meinem Kopf entstand dann das Bild eines unbeliebten, weißen jungen Mannes mit Glatze und pickeligem Gesicht, der doch nicht so sehr ausgestattet ist, der vor seinem PC sitzt und dieses ließt, mit der Faust auf den Tisch haut und vor sich hin sagt: “Ich wusste es, ich wusste es!”

    Deine Viktoria

  3. Ob man das Risiko dennoch eingeht bleibt ja den Beteiligten selbst überlassen.

    Das ist natürlich im Einzelfall nicht ganz einfach. Einerseits steht der freie Entschluss der Betroffenen natürlich im Vordergrund, aber im Detail wird’s verfahren. Soll man schwerstbehinderte Föten abtreiben, wenn sie nur eine einwöchige Lebenserwartung haben (vielleicht auch spät in der Schwangerschaft)? Schwerstbehinderte Kinder mit hoher Lebenserwartung? Kinder mit Down-Syndrom? Mädchen? Letztes ist in Asien nicht unverbreitet. Bei künstlicher Befruchtung, darf man vorher schauen, ob der Embryo vollständig gesund ist? Ob er hochbegabt genug ist? Und bei taubstummen Eltern, die auch gerne ein taubstummes Kind hätten, auch weil sie ihre Taubstummheit nicht mehr als Behinderung verstehen oder verstanden haben wollen, dürfen die das auch entscheiden?

    Die Fragen kann man so einfach nicht beantworten. In gewisser Weise sind die technischen Möglichkeiten gerade dabei, unser evolutionär und kulturell gewachsenes ethisches Empfinden hinter sich zu lassen.

  4. Ja, so schaut es aus: Es ist wirklich garnicht so einfach… und ich denke, bevor man nicht selbst in der Situation ist, darf man es nicht verurteilen, wenn Eltern ein behindertes Kind abtreiben. Es hängen schließlich sehr viele Faktoren mit einer Elternschaft zusammen. Und überhaupt: hat man die Möglichkeiten ein behindertes Kind adäquat zu versorgen? Wieviel wird das Kind von der Welt mitbekommen? Das ist alles schon sehr schwierig.

    Die Abtreibung von Mädchen soll hier natürich außer Frage stehen. In Indien wird das ja sehr gerne praktiziert, obwohl es mittlerweile illegal ist. Klar, man kann alles auf die Spitze treiben: wie Du schon sagtest: Wird das Kind intelligent genug sein, groß und kräftig genug, Neigung zur Fettleibigkeit, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass es homosexuell wird? Irgendwie fühle ich mich an den Film Gattaca erinnert… Ich denke, Designerbabys sind nur einen Schritt entfernt und es wird bestimmt genug Menschen geben, die dies befürworten werden.

    Die Menschheit ist schon ein wenig pervers…

    Deine Viktoria

  5. Die Menschheit ist schon ein wenig pervers…

    Ein wenig überfordert mit all ihren Möglichkeiten und Verpflichtungen. Auch ein Grund, warum Menschen wieder verstärkt Zuflucht in vereinfachenden Weltbildern suchen. Uns alle vermutlich eingeschlossen.

    Viel Glück morgen.
    bg, k.

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