Neurowissenschaften, Gehirn und Bewusstsein

In letzter Zeit gab es wieder eine verstärkte Auseinandersetzung über Neurowissenschaften und Bewusstseinsfragen in den Medien, und auch, wenn ich mir noch nicht alles zu Gemüt führen konnte (Vollzeitblogger und -medienkonsument ist derzeit, bedauerlich, aber verständlich, kaum ein praktikabler Lebensentwurf): einen Überblick über aktuell zu Empfehlendes aus dem Bereich will ich hier trotzdem geben. Das mag dann auch ausreichen für Zeiten, wenn das Thema für einige Zeit wieder aus dem Fokus verschwinden sollte.

Zur Einführung gut geeignet ist der dieswöchige Beitrag des ZEIT-Bildungskanons: Im Labyrinth des Denkens, der einige Beispiele liefert, wie Naturwissenschaft versucht, den Geist im Gehirn beschreib- und verstehbarer zu machen, ihn eben zu fassen zu kriegen. Empfohlen seien sollen auch die beiden Begleitartikel, ein Abriss der geschichtlichen Entwicklung der der Geist-Wissenschaft an zehn Beispielen und natürlich das, wenn auch sehr kurze Interview mit Wolf Singer. [1]

Weiter geht’s mit oxnzeams Besprechung der nachtstudio-Sendung zum Thema “Macht der Gefühle: Die neue Sicht auf unser Denken“. Die Sendung ist hier auch online in der ZDF-Mediathek anzuschauen. Inzwischen möchte ich Volker Panzers Magazin nicht mehr missen, auch wenn ich selten dazu komme, es zur eigentlichen Ausstrahlung zu sehen. Bei all dem Dreck und den Albernheiten, die tagsüber öffentlich-rechtlich versendet werden, ist es schon traurig, dass Substanzielleres, was eigentlich zum Kernauftrag gehört, nur noch nachts oder auf Spartensendern abgehandelt werden kann. Hier jedenfalls übt sich Panzer mit Gerhard Roth (dem anderen immer mal wieder dämonisiertem Hirnforscher), Thomas Goschke, Ute Frevert und Harald Welzer in angenehmem Diskurs über die Grundlagen unserer Empfindungen und Entscheidungsprozesse.

Etwas fundamentaler wird da noch die von Carsten Könnecker moderierte Podiumsdiskussion “Bewusstsein und freier Wille” der Müchner Wissenschaftstage, die von Gehirn & Geist online gestellt wurde und auch runtergeladen werden kann. Ich hab sie bis jetzt nur zum Teil angesehen, aber man möge sich selbst ein Bild machen. Es diskutieren Neurowissenschaftler und Max-Planck-Direktor Wolfgang Prinz, Theologe Friedrich Wilhelm Graf, Neurobiologe Gerhard Neuweiler und Politologe und Philosoph Julian Nida-Rümelin.

Am Kavli-Institut für Theoretische Physik (!) läuft aktuell das KITP Program: Anatomy, Development, and Evolution of the Brain, und auch hier werden einzelne Vorträge und Diskussionen inzwischen als Podcast und Schnappschuss-Video im Netz angeboten. Das sei allerdings eher Spezialisten und auf dem Gebiet Arbeitenden anempfohlen — oder auch Interessierten, die sich mal einen Eindruck über das trockene und mühsame Geschäft theoretischer (und dennoch an der Empirie orientierter) Wissenschaft machen wollen: immerhin gibt’s auch eine Vorstellung davon, wie wissenschaftlicher Seminare ablaufen, ob ihm Guten oder Schlechten. Jennifer Oulette nimmt die Seminarreihe zum Anlass einiger Artikel, die sich hauptsächlich historisch um einzelne Entwicklungen der Gehirnforschung drehen: Neuroanatomie, Neuronen und Gehirnchemie und Mind-Mapping.

Zum Abschluss beschäftigt sich Arvid Leyh in seinem aktuellen Braincast mit der Auseinandersetzung, die Geisteswissenschaftler und Philosophen mit den naturwissenschaftlicher orientierten Gehirn- und Bewusstseinswissenschaftlern führen, wobei es weniger um aktuelle Erkenntnisse als eine Diskurskritik geht. Das Ganze ist wesentlich diplomatischer (und vermutlich auch ausgewogener) formuliert, als ich es hier könnte oder auch wollte, schon weil ich an einigen Punkten anderer Ansicht bin. Ich habe nichts dagegen, dass man einen leicht harmonisierenden, interdisziplinären Ansatz vertritt, nur sollte man die Geisteswissenschaftler und Philosophen sich auch nicht täuschen lassen: die naturwissenschaftliche Neurowissenschaft geht voran, ganz egal, wie oft aus den benachbarten Instituten das Stöhnen kommt, dass sie das eigentlich nicht dürfte, schon gar nicht, ohne die hehre Qualifikation der Geisteswissenschaftler einzubinden. Wenn die Philosophie in der Debatte mitreden und an der Frage weiter mitarbeiten will, dann liegt es an Kulturwissenschaftlern und Philosophen, sich den naturwissenschaftlichen Forschungsstand anzueignen und sich in die Debatte einzubringen. Die Naturwissenschaft wird nicht abwartend fragen, ob das alles so genehm ist oder ob billige empirische Arbeit die Standeswürde der Hochwissenschaften verletzt. Hat sie nie, wird sie nie. Wenn die besagten Hochwissenschaften sich dazu zu fein sind oder vielleicht auch das Vermögen fehlt, sich mit Gehirnanatomie, -dynamik und -chemie auseinanderzusetzen, macht es Naturwissenschaft eben alleine. Die kann dann immer noch Thesen bestätigen, die auch andere schon vorher gedacht haben — ob das dann zum Ruhm der Geisteswissenschaften gereicht, schon mal das richtige gedacht zu haben, aber im entscheidenden Moment der Verifikation nicht dabei gewesen zu sein, möchte ich bezweifeln.

Aber glücklicherweise gibt es inzwischen auch einige Beispiele für Philosophen und Kulturwissenschaftler, die eben das tun. Und diejenigen sind herzlich willkommen, immerhin reden wir über eine der entscheidenden wissenschaftlichen Fragen über unser menschliches Selbst- und Weltverständnis. Mir ist da die Aufklärung wichtiger als Standesdünkel — aber gerade darum sehe ich die Möglichkeiten zur Erkenntnis derzeit eher auf Seiten der Naturwissenschaft.

[1] Wolf Singer selbst wird immer mehr zur Hassgestalt der Wissensdesinteressierten und Erkenntnisfürchtenden. Man vergleiche diesen sehr aufschlussreichen Beitrag von kroski zu Tanja Dückers’ kenntnisfreiem und fast schon dümmlichem ZEIT-Artikel über Angela Merkels Frechheit, zu ihrem 50. Geburtstag einen Hirnforscher einzuladen und keinen debilen Zauberer oder gar Pastor: ein wunderbares, wenn auch leicht paranoides Pamphlet voll der Intention, sich die Ohren so lange zuhalten zu wollen, bis die Debatte vorbei ist. Was sie nicht sein wird. Solange kann man die Hirnforschung auf die hübsche Dummheit “Alles nur Gene” reduzieren und notfalls den Holocaust rausholen.

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