Die Krankheit und ihre zweifelsohne psychische Ursache

Eigentlich war das ja klar. Was macht der skeptische Blogger, wenn schon mal Lange Buchnacht in Kreuzberg ist, nach zwei Stunden des Stehens, Erregens und Ärgerns über die gloriose Auswärtsniederlage, darauf folgenden viel zu langen Fußmärschen und nach einer weiteren Stunde Stehens (in der Lesung von Katja Lange-Müller) und Laufens? Er stellt sich für noch eine Stunde in eine kleine Esoterik-Buchhandlung am Mariannenplatz. Und verpasst dafür sogar die vermutlich viel unterhaltsamere Lesung “football’s home — Geschichten vom englischen Fußball“. Die er andererseits auch nicht braucht, weil er als Schalker genug skurriles Fantum, russisches Finanzwesen und auch immer wieder vereinsinterne Selbstzerfleischung kennt.

Da steht er dann. In der Luft hängt Nasenkrebs erzeugende Sandelholzsüße, gegen die die spätere Nikotin-Körperverletzung auf der Langen Nacht des Rauchens unaufdringlich und subtil wirken wird. Links neben ihm stehen Bleep: Das Buch und Bleep: Die DVD (Quantum Edition!) auf einem Auslagetisch voller Ignoranz und Realitätshass, der nicht etwa als Ramschauslage, sondern uneingeschränkt ernst gemeint ist. In den Regalen lagert Unwissen neben Lüge, dekorierende Buddha-Figuren neben verkäuflichen Marien-Statuetten, Duftfläschchen neben Krimskrams. Davor sitzen die zeitiger gekommenen Herrschaften, deren Großteil allerdings von alternden Frauen gestellt wird. Und ganz vorne redet und gestikuliert Otmar Jenner über “spirituelle Heilung” und alles, was seiner Meinung nach dazugehört.

Und er ist großartig. Für alles hat er eine Erklärung, jedes Krankheitsbild fügt sich seinen Wünschen. Ein guter Teil aller menschlicher, manchmal nicht ganz einfacher Gefühlsregung lässt sich sofort erklären: schlimme Geburtserlebnisse. Das kann von missglückten Abtreibungsversuchen reichen über Saugglocken-Geburten bis hin zu einer nicht optimalen Raumtemperatur im Entbindungssaal. Da dämmert dem skeptischen Blogger, der dereinst selbst mit der Zange aus dem Mutterbauch und der liebevollen, wiewohl nicht weniger verstörenden Umschlingung durch die Nabelschnur befreit werden musste, wie viele seiner Probleme und Konflikte in Wirklichkeit auf dieses schlimme Erlebnis zurückzuführen sind. “Also mir ist nicht kalt”? Falsche Geburts-Zimmertemperatur. Unerklärliche Unhöflichkeit zu ahnungslosen Kommentatoren? Saugglocke. Ich will mit Deinen Eltern nicht brunchen? Nabelschnur… muss atmen… jetzt… Es ist befreiend. Die Welt ordnet sich zusehends.

So geht es weiter. Denn, wie Jenner endlich aufklärt, aus dem Feinen (ausholende Armbewegungen, um die Grenzen seiner Aura anzudeuten) entsteht die Verdichtung in uns. Und was ist das Dichteste? Die Knochen. Fünfzehn Minuten später entsteht aus dem Feinen (ausholende Armbewegungen, um die Grenzen seiner Aura anzudeuten) die Verdichtung: unser Bewusstsein. Endlich versteht der skeptische Blogger, warum sein Denken seinen freigeistigeren Lesern so verknöchert vorkommt. Er kann auch nicht mehr ganz folgen, als es um weitere spirituelle Ursachen für das Kranke in uns geht. Multiple Sklerose — Ausdruck aggressiver Bedürftigkeit des Kranken. Krebs — manifestierter Todeswunsch des Betroffenen. Man muss die Krankheit eben zu Ende denken: was will der Kranke damit erreichen? Keine falschen Zimperlichkeiten, Otmar Jenner steht nicht für eine Pillepalle-, Heiteitei-Medizin, sondern für die brutalste aller Wirklichkeiten.

Was will wohl die noch nicht so sehr alternde Frau mit ihrer Krankheit erreichen, wenn sie in der zwischengeschobenen Fragerunde sich erkundigt, ob Jenner auch einen fast zerstörten Rückenwirbel wieder heilen könne? Die Frage scheint Jenner sich da nicht zu stellen, aber wenigstens kann er Hoffnung machen. Natürlich kann er nichts versprechen, wie er auch zuvor schon immer mal wieder einschränken musste, dass seine Weisheit nicht einhundert Prozent aller Krankheitsbilder erklären könne, sondern nur fast. Doch Jenner hat in seinem Leben als Heiler viel gesehen, viel gestaunt, viel nicht Fassbares, medizinisch Unvorstellbares erlebt. Er sieht gute Aussichten. Was ist da schon ein fast zerstörter Rückenwirbel.

Ob er schon viele Amputiert geheilt hätte, will der skeptische Blogger fragen, oder, da das Tolle beim Krebs sei, dass der Patient plötzlich voll wach und voll da sei ob des Hammers, der ihn da trifft: ob konventionelle Medizin, die den Patienten ja eher erschöpfe und benebele in Chemo- und Strahlentherapie, ob die da nicht eher schädlich sei. Allein, er traut sich nicht. Er würde aggressiv wirken oder so verstanden werden von den alternden, Jenner anhimmelnden Damen um ihn herum. Er hat sehr lange keiner 60-jährigen Frau mehr ins Gesicht geschlagen und fürchtet, im entscheidenden Moment zu lange zu zögern. Stattdessen hört er sich einen weiteren Diskurs an, dass Mitgefühl keine gute heilerische Position wäre, und staunt, wie souverän belanglos Jenner die Einwände eines alten Herrn entkräftet, der meint, es müsse MitgeFÜHL heißen, so gehe das wohl schon. Dann endet die zwischengeschobene Fragerunde mit einer von Jenner empfohlenen Geistreinigungsübung, bei der man sinnlose Silben in beliebiger Reihenfolge aufschreibe oder in die Tastatur tippe, und der skeptische Blogger fühlt sich plötzlich ertappt. Nur ein wenig, ganz hinten; da, wo sich das Feine noch nicht ganz ins Grobe verdichtet hat, wo es ihm helfen könnte, seinen Weg bis hin zur eigenen Geburt zurückzugehen und am Besten auch noch darüber hinaus, wie Jenner empfiehlt.

Es geht tasächlich immer weiter, und Jenner will auch nach einer Stunde nicht stoppen, erzählt was über die menschlichen Auren, die er sieht, und wie das so ist, in der U-Bahn zu sitzen und genau sagen zu können, was dem Menschen gegenüber fehle. Wie toll es andererseits sei, so wunderbare Dinge zu tun, wie er sie täte, wie gut sich diese Gefühl der Kraft anfühle. Nur der skeptische Blogger muss irgendwann gehen und weitere Erleuchtung auf einen anderen Abend verschieben. Er muss was essen und trinken, für diese Biologie, von der ab und an die Rede war.

Noch später wird er im vollkommen überfüllten Möbel-Olfe stehen. Den Tabakrauch lässt er die Reste des Sandelholz-Moders aus seinen Kleidern waschen, sein Weltbild wieder geraderücken durch Mampe und Pils. Hinter einem improvisierten Lesepult deklamiert die plötzlich sehr attraktiv wirkende Sarah Schmidt zwischen zwei Zigaretten und zwei Bieren an die Adresse von Gesundheitsfanatikern, Nikotingegnern und Biotussen: “… und trotzdem seht ihr jedes Jahr mehr Scheiße aus”. Die Menge applaudiert und johlt Unterstützung. Nur der skeptische Blogger, er zögert. Er vermeint, da durch das volle blonde Haar, das ihren Kopf umwirrt, etwas wahrgenommen zu haben. Den unmerklichen und doch so unauslöschlichen, in der Haut vergrabenen Abdruck einer Saugglocke.

Dann zieht ihn die Begleitung nach draußen.

9 Responses to “Die Krankheit und ihre zweifelsohne psychische Ursache”

  1. Ich bin schon nach 6 Monaten auf die Welt gekommen, vielleicht erklärt das meinen Größenwahn.

    Aber mal ehrlich, ich habe heute fast mit dem Gedanken gespielt, mir die örtliche Esoterikmesse anzusehen, auch auf die Gefahr hin, da nur verbittert wieder rauszukommen. Bis ich mir dachte, dass die ermäßigten zehn Euro doch woanders besser angelegt sind.

    Und wenn ich Deine Eindrücke so lese, bin ich froh darüber.

  2. Hallo!

    Einfach herrlich beschrieben. ;-) Gelacht habe ich nicht, aber ein Leuchten in meinen Augen hat sich wohl seinen Weg gesucht.

    So ist das, mit den Esoterikern…

    Meine Geburt war ein Kaiserschnitt, weil ich zu faul war, mich zu drehen und sich, hätte man mich nachher noch gedreht, meine Nabelschnur um meinen Hals gelegt hätte, was tödlich geändet wäre. Tötlich wäre es wohl auch gewesen, wenn ich so, mit dem Popo voraus geboren worden wäre. Die moderne Medizin, samt Ultraschall hat wohl dieser Welt das Geschenk meines Daseins zuteil werden lassen. Kann Herr Jenner den Ultraschall ebenfalls ersetzen?

    Deine Viktoria

  3. @ Mark, Viktoria

    Jetzt brauchen wir noch drei Datenpunkte, dann haben wir fast eine medizinische Studie: vernünftige Menschen hatten unvernünftige Geburtserlebnisse. Vielleicht fehlt uns einfach das naive Gottvertrauen danach.

    Aber mal ehrlich, ich habe heute fast mit dem Gedanken gespielt, mir die örtliche Esoterikmesse anzusehen, auch auf die Gefahr hin, da nur verbittert wieder rauszukommen.

    Ich würde sehr schwermütig werden auf so einer Messe, vermutlich ziemlich schnell. Sowas würde ich mir nicht antun wollen, wenn ich nicht gerade Anlass hätte, mal wieder richtigen Seinspessimismus erleben zu wollen. Aber Du kannst auch umsonst in so eine Buchhandlung gehen, Dir die Bücher angucken über Lebenshilfe, Spiritualität, die geheimen Botschaften der Kornkreise und die neuesten Ergebnisse der Wissenschaft. Wenn Du dann noch eine gepflegte Unterhaltung mit dem gläubigen Personal hinkriegst und da noch einen gewissen Spaß dran empfindest, dann freu ich mich auf Deinen bald folgenden Messebericht ;)

    Kann Herr Jenner den Ultraschall ebenfalls ersetzen?

    Wohl nicht, ich werde ihm hier aber auch die Behauptung nicht unterstellen — wie ich überhaupt sorgsam war, nur Sachen zu schreiben, die ich notfalls per Zeugen und mittels eidesstattlicher Erklärungen versichern kann :-) **
    Aber ein Bekannter mit Freundin im siebten Monat hat mir gerade noch erklärt, dass man im Regelfall dafür auch keinen Ultraschall braucht, sondern das so merkt, wenn das Kind sich dreht: das kickt dann nämlich oben und nicht mehr unten! Frau sein muss Spaß machen, herzlichen Glückwunsch ;-)

    (**Full Disclosure: mit sehr geringer, nicht verfälschender Übertreibung als literarisches Stilmittel,…)

  4. Jetzt brauchen wir noch drei Datenpunkte, dann haben wir fast eine medizinische Studie: vernünftige Menschen hatten unvernünftige Geburtserlebnisse. Vielleicht fehlt uns einfach das naive Gottvertrauen danach.

    Ich bin offenbar auch Kaiserschnittgeburtstraumatisiert, ohne es zu wissen *und* halte mich in den wichtigen Punkten für ziemlich vernünftig. Ganz klare Korrelation. Viel Spaß beim Nachweisen der Kausalität. Äh, was rede ich da, es geht ja um Alternativ”medizin”, da ist eine aufgrund von 3-4 Anekdoten “belegte” Korrelation alles, was nötig ist, um die “Schulmedizin” {abfälliger Tonfall, dazu angedeutetes Kopfschütteln} zu widerlegen.

    (Manchmal denke ich, ich wäre ein viel besserer Crank als so mancher von den “Echten”.)

  5. (Manchmal denke ich, ich wäre ein viel besserer Crank als so mancher von den “Echten”.)

    Ich definitiv nicht. Ein Jahr, dann wär ich Alkoholiker ob des eigenen Schämens und des Elends um mich herum. Und bei aller Wissenschaftsfremde: man muss schon auch guter Entertainer sein und das verkörpern, was man erzählt.

    Ich bin offenbar auch Kaiserschnittgeburtstraumatisiert, ohne es zu wissen

    Der Sinn des Threads war jetzt nicht, dass wir uns alle Geburtstraumen und hinterher noch entsprechende Fehlerinnerungen suggerieren ;)

  6. Also ich hatte zumindest ebenfalls die Nabelschnur um den Hals gewickelt, vielleicht wird man ja dadurch tatsächlich besonders skeptisch, wenn einen die Realität schon so unfein begrüßt. :-)

  7. Ich definitiv nicht. Ein Jahr, dann wär ich Alkoholiker ob des eigenen Schämens und des Elends um mich herum.

    Oh, das ist der Grund (naja, einer davon), warum ich kein Crank *werde* - könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Aber abgesehen davon…

    Der Sinn des Threads war jetzt nicht, dass wir uns alle Geburtstraumen und hinterher noch entsprechende Fehlerinnerungen suggerieren ;)

    Niiiicht?
    Ich kann Dich aber auch beruhigen, eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen involviert ein grünes Matchboxauto, ist kein bisschen traumatisch und hat mit meiner Geburt nicht das Geringste zu tun (und ich fahre weder ein grünes Auto, noch besitze ich eine Spielzeugautosammlung).
    .
    .
    .
    Ich wusste, dass Dich das brennend interessiert ;-)

  8. Toll, Jungs und Mädels, wir erfüllen hier wieder jedes Klischee vom gestörten Rationalisten. Ist denn hier niemand Produkt einer friedlichen Unterwasser-Meditationsgeburt und trotzdem normal?

    Ich wusste, dass Dich das brennend interessiert ;-)

    Allerdings. Ich mag das, wenn befreundete Blogger noch mit ihrer dunklen Seite und ihrer existentiellen Verworfenheit in Verbindung stehen und die anerkennen können, wie Du hier gerade ;)

  9. Verkehrt gelegen, zu früh und Kaiserschnitt, sorry…

Leave a Reply