Mit dem Papadebil durch Amerika

Ich muss hier ehrlich sein: Ich habe den Papst gesehen. Nicht auf einem verschimmelten Duschvorhang oder angebackenem Toastbrot, und auch nicht den aktuellen. Aber als damals Johannes Paul II durch Deutschland getourt ist wie sonst vielleicht nur Nena, bin ich, 11-jähriger Katholik, der ich war, natürlich dahin gepilgert, wohin damals eh immer gepilgert wurde: ins Parkstadion. Meine Erinnerungen daran lassen sich klar eingrenzen: Erstaunen über einen riesigen Kamerakran, der hinter unserer Tribüne aufgebaut war; dass alles sehr weit weg war; dass ich kaum was verstanden habe — mithin alles Dinge, die für ein Kind normal waren, dem irgendwie alles viel riesiger, weiter weg und unverständlicher erscheint. Ich kann mich dagegen nicht daran erinnern, dass mir der Papst damals besonders viel bedeutet oder ich irgendeine Ehrfurcht vor dem Augenblick verspürt hätte oder dass die Stimmung irgendwie toll weihevoll gewesen wäre. Bedeutsamer schien mir eher, dass ich im Parkstadion war und Junghans ausnahmsweise mal nicht ein oder zwei eingeschenkt bekommen hat. Es hat auch keiner “Fliegenfänger!” in Richtung Papst gerufen. [1] Ja, ich war ein sehr beschränktes Kind. Und bin es in religiösen Fragen heute vermutlich mehr denn je.

Ich versteh es einfach nicht, was Menschen umtreibt, sich an die Wegstrecke zu stellen, an der der Papst vorbeirauscht, und Schilder hochzuhalten: We Love Our German Shepherd! (> Crooked Timber) Es ist ja nicht mal so, dass der vorher mit seinem arabischen Geliebten im Washingtoner Autotunnel verunglückt wäre. Er winkt einfach nur blöd aus seiner Panzerglaskarosse auf seinem Weg von George Bush ins endgültig Irrelevante. Und noch weniger verstehe ich:

Nor was the 1979 experience complicated by evangelical Christians with bullhorns vigorously denouncing ‘false religion’ and telling the cheering nuns and folks in Pope Benedict t-shirts that they were all going to go to hell unless they were born again in Christ.

Ich weine um die Menschen. Die haben eine Lebensphilosophie, die ich von mir nur kenne, wenn ich alkoholisch delirierend plötzlich meine, dass sowas tolles wie 80er-Jahre-Songs heute gar nicht mehr geschrieben wird und dass die Musik damals noch wirklich was gemeint hat! Aber ich schäme mich dann am nächsten Morgen dafür oder lächele nachsichtig über mich selbst — ich gebe das nicht als Weisheit oder gar Wahrheit aus, noch baue ich mir daraus eine Metaphysik, in der ich meine Nachlebens-Ewigkeit mit Nena verbringen darf/soll/muss; schon gar nicht gehe ich anschließend mit Nena-T-Shirt zu einer Michael-Jackson-Straßenparade, um es mal so zu sagen.

Pascal (Blaise, nicht Olivia; na, die vielleicht auch) meinte mal, vielleicht nur spaßeshalber, er verliere vermutlich nichts durch seine Religiosität, aber wenn doch was dran wäre am Nachleben, das es zu gewinnen oder zu verlieren gälte… Damit wäre er heute ziemlich im Streß. Täglich könnte er von einer evangelikalen Sekte zur nächsten, noch radikaleren wechseln, weil immer wieder ein neuer Depp kommt, der ihm mit ausgefeilterer Höllendrohung kommt. Und am Ende findet er sich auf einem kleinen texanischen Grundstück einer mormonisch-christlichem Sekte wieder und wird von der Polizei verhaftet, weil er seine 13-jährige Tochter an den Kultältesten zwangsverheiratet und mit furchtbar frommen Gedanken der anschließenden Vergewaltigung überstellt hat. Denn Gott will das so, und man will ja nicht in die Hölle. Dachten sich auch diese jetzt furchtbar bemitleidenswerten flennenden Mütter (via Obscene Desserts). Denen man unverständlicherweise die Kinder weggenommen hat. War doch nur Glaube. Wieso soll das nicht Gottes Ansicht sein? Wenn wir doch sonst auch jeden Scheiß, den wir selber uns so denken, Gott zuschreiben. Und will man wirklich mit solchen Leuten die Ewigkeit verbringen? Der Tod wird im Allgemeinen ganz unnötig schlechtgeredet.

Pascals Wette heute wirklich ernst zu nehmen und nicht nur als dümliches “weil’s so schön klingt”-Pseudoargument in die Debatte einzuwerfen, ist ein sicherer Weg, sich sein Leben zu ruinieren. Auf die uneleganteste und blödeste Art.

Am Besten hält man sich da ganz raus. Denkt sich seinen Teil über die Jubler und die Vollpfosten und lässt die wirklichen Verbrecher für die Strafverfolgung. Die Welt wird sowieso immer absurd sein. Wenn’s nicht gerade ein paar Mann sind, die in blau-weißen Leibchen und kurzen Hosen über den Rasen laufen, dann ist es halt ein grinsender alter Mann, der durch die Stadt kutschiert wird. Nur Respekt — den gibt’s hier nicht umsonst. Nicht für so eine Verarsche.

Oder um es mit einem Kommentator drüben bei Crooked Timber zu sagen:

The difference in most minds now between Benedict/Ratzinger and someone like Elton John is that Elton John plays the piano and is openly gay.

Prada tragen derweil beide.

[1] Was ich heute stark befürworten würde. Ein wenig Konfrontation mit dem normalen Leben würde dem nur noch von Speichelleckern und Respektsbekundern umgebenen Ratzinger nicht schaden.

7 Responses to “Mit dem Papadebil durch Amerika”

  1. Tja der eine sagt König, der andere Hofnarr. Für die Kinderfickerei seiner Pfaffen fand er keine überzeugende Worte. Wollte er wohl auch nicht. Vergesst den alten Mann. Egal ob König oder Narr. Er gehört nicht mehr zu unserer Welt.

  2. Also um die Menschen bei dieser Gelegenheit zu weinen, finde ich ja doch ein klein wenig überspannt. Auch wenn es sich momentan vielleicht nicht so anfühlt, ändern sich doch mit den Zeiten die Mentalitäten. Vor ein paar hundert Jahren fühlte sich ein praktizierender Atheist vermutlich ausgesprochen einsam, wenn er überhaupt imstande war, seine diesbezüglichen Gedanken zuende zu denken. Jetzt mag es vergleichbar schwierig sein, sich ohne Begriffsverwirrung konsistent über Selbstbewußtsein und Willensfreiheit zu verständigen.
    Pascal, wenn er mit Wahrscheinlichkeiten operiert, würde konfrontiert mit der Unwahrscheinlichkeit, daß eine hinreichende Chance bestünde bei der Wahl unter den konkurrierenden einander widersprechenden Offenbarungen einen seligmachenden Treffer zu landen.

    Übrigens meine ich gehört zu haben, daß der Herr Ratzinger auch ein ganz ordentlicher Pianist sei. Hat er leider nicht zu seinem Beruf gemacht.

  3. Also um die Menschen bei dieser Gelegenheit zu weinen, finde ich ja doch ein klein wenig überspannt.

    Ich muss gestehen: ich habe nicht wirklich geweint. Aber wenn sich jemand tatsächlich zu ein paar sinnlos jubelnden Katholiken stellt und denen mit der Hölle droht, weil sie nicht auf dem allein zertifizerten, richtigen Weg an Jesus glauben, bin ich schon arg an der Grenze.
    Das bezieht sich nicht mal auf Glauben an sich, sondern auf die schon sehr lächerlichen Ausformungen, die er in der Realität annimmt.

    Übrigens meine ich gehört zu haben, daß der Herr Ratzinger auch ein ganz ordentlicher Pianist sei. Hat er leider nicht zu seinem Beruf gemacht.

    Eben.

  4. Das mit dem Weinen kenne ich. Wenn vor dem Krankenhaus Gummersbach ältere und komische Menschen stehen, die Anti-Abtreibungs-Schilder hochhalten. Dazu dann noch zwei Heiligenstatuen dabei haben und so. Dabei werden da noch nichtmals Abtreibungen durchgeführt. Sowas ist dann schon grotesk.

    Es gibt einfach Menschen, die brauchen einen Führer und es gibt Menschen mit Führerqualitäten, um es mal ganz doll zu vereinfachen - zu letzteren gehöre ich. ^^
    Ich habe mir wirklich schonmal überlegt, irgend einen Kult aufzumachen, um mich huldigen zu lassen und fortan auf einer eigenen, von Spendengeldern an meinen Kult finanzierten Insel zu leben und es mir gut gehen zu lassen. Das wäre toll, und wenn ich mir die Verblendung mancher Mitmenschen ansehe, dann wahrscheinlich auch durchaus praktikabel.

    Deine Viktoria

  5. @ Viktoria

    Sowas gibt’s auch in Gummersbach? In Österreich scheint das ja verbreitet zu sein.

    Es gibt einfach Menschen, die brauchen einen Führer und es gibt Menschen mit Führerqualitäten, um es mal ganz doll zu vereinfachen - zu letzteren gehöre ich. ^^

    Na, es gibt auch Querdenker und Hagestolze, aber wer weiß schon, wozu man selber gehört. Aber viel Glück beim Aufmachen Deines Kults. Allerdings: wirksamster Weg für kultische Verehrung ist immer noch schneller Erfolg und früher Tod. Da denkst Du Dir hoffentlich was besseres aus :-)

  6. Ich steh einfach wieder von den Toten auf und richte den Menschen Weisheiten von Elvis aus, mit dem ich über eine Astralebene von nun an in Kontakt stehe. Und von Kurt Cobain auch. Evtl. nehme ich auch noch Alestair Crowley ins Programm auf, aber der hat schon seine eigenen Kultisten.

    Allerdings: Ich muss Dir, was die 80ger-Musik schon recht geben. Obwohl mein letzter Rausch nun doch schon etwas über 24 Stunden her ist. ;-)

  7. Dann stell vorher sicher, dass Du auf angemessen kultische Art und Weise stirbst. “Altersschwäche” z.B. ließe sich nur ganz schlecht an den Wänden unserer Klassenzimmer und Gerichtsräume symbolisieren ;-)

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