Bestattungsriten und Trauerarbeit, von mir aus auch religiöse

Auch Atheisten sterben und verlieren Angehörige und Freunde, und in unserer Vorstellung vermutlich sogar etwas nachhaltiger als diejenigen, die auf ein mögliches und nicht so fern liegendes Wiedersehen hoffen, ob sie nun ernsthaft daran glauben, es also wirklich für wahr halten, oder auch nicht. Und darum müssen sich auch Atheisten damit auseinandersetzen, wie sie mit all dem umgehen. Curi0us von Curi0usities tut das gerade auf seine Art und beschreibt seine Verständnisschwierigkeiten mit dem traditionellen Bestatten:

Ich habe überhaupt nichts davon das Grab meiner Großmutter am Friedhof zu besuchen. Gibt mir nichts. Ich erinnere mich gern an sie, aber anders. (…)

Ich kann ausschließlich lebenden Menschen in irgendeiner Form etwas Gutes tun. Und ich persönlich kann nicht verstehen, inwiefern man dies mit einer Beerdigung tut. Eine Abschiedsfeier kann ich nachvollziehen. Gemeinsames sich erinnern. (…) Aber den Körper aufbewahren? Wozu?

Und während ich ihm in aller Logik nur zustimmen kann, dass sowohl für den Atheisten, für den dieser Mensch nun mal nicht mehr ist, als auch für den tatsächlichen Theisten, für den der gestorbene Körper ja auch nur noch Hinterlassenschaft darstellt, es nicht viel Sinn zu haben scheint, ausgerechnet um all das einen Aufwand zu betreiben, was die leblosen Überreste anbelangt — muss ich das trotzdem einschränken und widersprechen. Weil das Anlegen von Friedhöfen und Grabstätten erst mal wenig mit den Verstorbenen zu tun hat. Es geht praktisch ausschließlich um die Bedürfnisse der Hinterbliebenen.

Mein eigener Großvater [1] starb, als ich gerade 18 geworden war und meinen Führerschein neu hatte, weswegen ich in der Folgezeit meine Großmutter öfter zum Friefhof oder zu Gärtnereien gefahren habe. So ein Grab will schließlich gepflegt sein. Ich glaube gar nicht mal, dass sie meinte, sie könne ihm selbst noch etwas Gutes tun. Aber wichtig war es ihr trotzdem, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Die Auseinandersetzung mit dem Grab ist letztlich auch immer eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Verlust, ein sich Abarbeiten an dem Fehlen des anderen; es gibt einem eine Aufgabe, wenn der andere sonst keine Aufgaben mehr an einen stellt, und die Möglichkeit, den Tod selbst für sich begreifbarer zu machen. Aber vor allem ist es auch eine Feststellung und Versicherung, die man sich selbst und anderen gegenüber trifft: Dieser Mensch ist jetzt tot, aber das negiert nicht unsere Vergangenheit. Gegen das unwiderlegbare “das ist jetzt vorbei” wird entgegengehalten: Dieser Mensch ist immer noch Teil von mir und beschäftigt mich weiter.

Man kann das als religiöse Praktik ansehen. Michael Blume sieht zum Beispiel in den steinzeitlichen Grabanlagen inklusive -beigaben erste Anzeichen einer beim Menschen früh aufgekommenen Religiosität, und gerade im Fall von mitgegebenen Jagdwerkzeugen und Nahrungsmitteln kann man das natürlich als Ausdruck von Hoffnung deuten, für den Gestorbenen möge noch nicht alles vorbei sein. Ich sehe das etwas anders. Das Bedürfnis, sich seiner Verstorbenen zu erinnern und die Erinnerung am Leben zu halten, ob durch Gräber oder Ahnenmasken, ist ein universell menschliches, fernab irgendwelcher weltanschaulicher Fragen, wie auch der Schmerz über den Verlust nicht davon abhängt, ob man an ein Weiterleben glaubt oder nicht.

Wie man selbst damit umgeht, ob man einen zentralen Punkt der Erinnerung braucht oder ob einem Grabpflege persönlich was bringt, muss man eh mit sich selbst ausmachen. Vielleicht war man auch einfach noch nicht an dem Punkt, sich noch einmal so intensiv mit jemandem nach seinem Tod auseinandersetzen zu müssen oder in sich in der Verantwortung zu spüren, für das Erinnern an jemandem derart zuständig zu sein, um wenigstens das noch ein Stück der Vergänglichkeit abzutrotzen. Vielleicht kommt der Punkt für manche auch nie. Aber ausschließen würde ich es nicht. Alle Logik, aller Naturalismus oder Atheismus kann am Ende nicht unser Menschsein wegerklären.

Um das Ganze mit einer weltlicheren Note zu beschließen und nicht endgültig ins atheistisch-sentimentale Predigen zu verfallen: es gibt natürlich auch jede Menge anderer Gründe, ein Grab zu pflegen oder gleich pflegen zu lassen. Die verbreitetste geht wohl etwa in der Art: so wie das Grab jetzt aussieht, was sollen unsere Nachbarn da von uns denken. So wie wir uns auch bei Steinzeit-Grabbeigaben nicht der Idealisierung hingeben sollten, dass es keine Streitigkeiten gegeben habe um das Thema: wenn wir ihm das nicht beitun, denkt hinterher jeder, wir wären herzlos. Wer kann schon heute noch sagen, wieviel Ritus in der Geschichte hauptsächlich aus kulturellem und sozialen Gründen abgehalten wurde, ohne dass echte Religiosität dahintersteckte.

Zumal das alles sowieso wenig daran ändert: menschlicher Schmerz, Grabbeigabe oder Ahnenmaske hin oder her — wenn es schließlich darum geht, dass man denkt, derjenige würde im Jenseits weiterjagen oder durch die Würdigung der Ahnenmaske werde der Vorfahr im Jenseits milde und wohlwollend gestimmt, dann mag man das als primitive Religion würdigen wollen. Es wird dadurch nicht wahrer. Und das ändert sich auch nicht dadurch, die Zeremonien von unserer heutigen Priesterkaste abhalten und das Ganze unter einem Kreuz stattfinden zu lassen.

[1] Einer von beiden, natürlich. Oder mit Ed Rooney: I had a grandmother once. Uh, two, actually.

Zwei Nachträge: Trauerarbeit ist natürlich ein ziemlich dürftiger Begriff. Das teilt er allerdings dann tatsächlich mit dem oft banalen, in sich widersprüchlichen und so nicht reduzierbaren Eigenheiten des menschlichen Lebens an sich. Und ja, das ist jetzt der zweite Beitrag in Folge mit Kindheits- und Jugenderinnnerungen. Zum einen werde ich wohl doch langsam alt. Zum anderen verbringe ich gerade viel zu viel Zeit vor verschiedenen Monitoren und Tastaturen.

4 Responses to “Bestattungsriten und Trauerarbeit, von mir aus auch religiöse”

  1. Man kann 10-20 Exemplare eines guten Buches kaufen und diese einer Schulbibliothek schenken, mit Stempelaufdruck auf der ersten Seite: “Im Andenken an meinen verstorbenen Ehemann/Vater/Opa xyz”. So bleibt der Name des Seligen für viele Schüler-Generationen erhalten und eine gute Tat für die Bildung hat man auch gemacht…

  2. Kann man machen. Ob einen das beim persönlichen Gedenken hilft wage ich aber zu bezweifeln.

    Gräber können durchaus eine hilfreiche Sache sein. Und den Angehörigen gut tun. (Für den Toten ist das ganze natürlich sinnlos.)

    Jetzt könnte man natürlich auch einen Gedenkstein aufstellen und sich um die Leiche nicht mehr kümmern. Da kann man genau so gut davor Blümchen anpflanzen. Andererseits: warum sollte man das? Ist doch kein schlechtes Ritual, so eine Beerdigung (kann auch wirklich toll sein, wenn man bei den allzu religiösen Teilen weghört). Und danach hat man sein Denkmal an dem man sich festhalten kann. Könnte auch ohne funktionieren, nur sehe ich in so einen Grabmal auch für den, der nicht ans weiterleben nach den Tod glaubt einen Nutzen.

    (Nein, deswegen sind kreative Lösungen wie man sich an verstorbene erinnert oder wie man als Verstorbener die Lebenden weiter nerven kann sicher nicht schlecht. Nur ist die gute, alte, konservative Beerdigung deshalb nicht überflüssig.)

  3. Insgesamt ein schöner Artikel.

    Meine Frage zielt (auch) darauf ab, ob man die Auseinandersetzung so stark einschränken bzw. reglementieren muss.

    Wenn ich beim Bestatter-Weblog lese was für Aufwände da allein vom Staat vorhergesehen sind fühle ich mich im Umgang mit “meinen” Toten auch einfach sehr eingeschränkt. Und wenn mein Vater seine Asche nach erfolgter Verbrennung in seinem Garten verstreut wissen möchte, gibt es dagegen ja objektiv nichts zu sagen, aber wir dürfen es nicht.

    Ach und ich möchte ein (zwei) “u” kaufen.
    -> “Curi0us”

  4. Also mir ging’s in dem Beitrag auch weniger darum, welche Möglichkeiten es noch gibt, Andenken zu bewahren oder das kundzutun, sondern eher um den psychologischen Aspekt der Trauernden.

    @ Curi0us

    Ich geb Dir vollkommen recht, dass manches, was gesetzlich geregelt ist (und sicherlich auch oft im Sinne der Kirchen und traditioneller religiöser Riten), nicht geregelt sein müsste. Dass es grundsätzlich auch ein Bedürfnis nach Änderung der Gesetze gibt, sieht man auch an der zunehmenden Zahl von Leuten, die nach Tschechien fahren, um ihre Angehörigen da billig verbrennen oder dann die Asche in einer Rakete durch die Gegend ballern zu lassen. Von Plastination gleich mal abgesehen. Geschmäcker sind verschieden.

    Die ‘u’s hab ich Dir geschenkt (hab sie Dir ja auch weggenommen). Müssen beim Rätseln verlorengegangen sein, ob das ein O oder eine 0 ist ;)

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