Heimat, wo man Feindschaft pflegt

Wenn es etwas gibt, was Fußballfans über (die meisten) Vereinsgrenzen hinaus verbindet, dann ist das wohl die Abneigung gegen den FC Bayern München. Das kann jeder ganz nüchtern überprüfen, indem man sich mal an einem Spieltag in ein gemischtes Fußballlokal seiner Wahl stellt, Konferenz schaut und überprüft, welche Tore bejubelt werden — sollte das nicht zu dem Ergebnis führen, dass Tore gegen die Bayern wesentlich lauter und allgemeiner gefeiert werden als Tore der Bayern, dann sollte man dringend das Lokal wechseln oder, so man das nicht will, sich in stiller Stunde mal überlegen, ob nicht in der Verwirklichung des eigenen Lebens vielleicht doch einiges falsch läuft. Womit ich auch nichts gegen den einzelnen Bayern-Fan sagen will; ich kenne einige, die okay sind, einen, den ich als Freund bezeichne, wie es ja auch unter Kirchen- oder CDU-Mitgliedern auch sehr nette Menschen gibt. [1] Die Gebrochenheit des Seins, in der jeder von uns seine korrupten, verworfenen Seiten in seine Biographie einstricken muss, äußern sich schließlich durchaus unterschiedlich und gegebenenfalls eben objektiv tragischer als bei anderen.

Trotzdem ist das, was Vereinsgrenzen definiert, eben auch die Abgrenzung, die am einfachsten über den äußeren Feind abläuft. Solche Feindschaft wird gepflegt und vererbt, an kleinen wie großen Anlässen geprobt und erhärtet. Es geht in einen über. Und wenn dann gerade, wenn der Verein wieder mal am Boden liegt, das Flugzeug mit verhöhnendem Spruchband über dem Stadion erscheint oder die grotesken Fremdkommentare in den Fanforen aufschlagen, dann ist das auch mit Stolz verbunden, da man sich nicht zuletzt an dieser Feindschaft wieder aufrichten kann. In dem Sinne ist der FC Bayern für viele Fans so, wie man nicht sein oder werden will; der dem Verein eigene Hassgegner dagegen alles, was man von Natur aus und abgrundtief nicht ist und auch niemals sein kann. Für den Schalker sind die Grenzen allerdings aus geschichtlichen Gründen etwas verlaufen, und ich muss zugeben, dass ich nach 2001 schon gedacht habe, dass Dortmund ja der Abgrund sei, aber Bayern nicht mal mehr das.

Trotzdem habe ich gestern das Pokalfinale in meiner Fußballkneipe gesehen, wiewohl abzusehen war, dass es neben spärlicher Schalker Stammbesetzung wohl auch genug wo auch immer herkommende Dortmunder und nicht zuletzt die Prenzlauer-Berg-Bayern da hinziehen würde. Vielleicht war es nur die Sehnsucht, meinen Masochismo mal wieder rauslassen zu können, vielleicht einfach das Abhaken eines Pflichttermins DFB-Pokalfinale. Zu gewinnen gab es nichts. Das 0:0, auf das man sonst bei der Paarung hoffen kann, war ausgeschlossen. Und am Anfang standen halt die beiden Mannschaften auf dem Platz, die man gleichermaßen verlieren sehen will. Die Bayern als inhaltleere Projektionsfläche, zu der man keine wie auch immer geartete menschliche Verbindung mehr aufbauen kann. Die Dortmunder in ihren schwarzen und immerhin nicht mehr neongelben Trikots, Farben, die sich derart in die Schalker Netzhaut eingebrannt haben, dass schon der Anblick derselben vor grünem Hintergrund ein leicht angewidertes Ekeln verursacht. Und das meine ich ganz ernst. Die Gegenseite wird das Gefühl vermutlich umgekehrt teilen und bestätigen können.

Es nahm seinen natürlichen Lauf. Inkompetente Dortmunder gegen keine Emotionen auslösende Bayern, die gehen schnell in Führung. Und so weiter. Eine Zeit lang konnte man dem allen entspannt zusehen, weil man über der Sache stand. Die Bayern ließen nach, Dortmund blieb schlecht, aber selbst das Bemitleiden der dilletantischen Dortmunder Angriffsversuche erregte noch ein wenig Schalker Freude. Aber irgendwann kippte das, und es ist schwer zu benennen, was das auslöste. Anfangs war vielleicht nur die Loyalität mit und Sympathie für den Underdog, typische linke Neurose, die sich ein da eher unnatürliches Objekt suchte. Als Dortmund dann stärker wurde und wieder und wieder kläglich scheiterte, erst in der Bayernhälfte, dann auch ab und an im Bayern-Strafraum, kam vielleicht Wiedererkennen und Identifikation dazu: wie oft wir doch unsere Mannschaft schon so inkompetent und hilflos erlebt hatten, gerade gegen immer schlechter und weniger spielende und trotzdem sicher stehende Bayern. Und dann kam die Frage nach der gemeinsamen Heimat.

Die Isar-Bauern auf den Tribünen sangen „BVB — Hurensöhne”, und es wirkte wie eine Beleidigung, während ihre Truppe auf dem Rasen herumgurkend von den Schwarz-Gelben immer mehr zurückgedrängt wurde. Es war einfach und grundlegend falsch. Auch wenn der Gesang seine Berechtigung hat, nicht jeder hat die Berechtigung, ihn zu singen. Das sind schließlich unsere Hurensöhne, nicht deren. Wir sind in den geteilten Städten aufgewachsen, die sich durchs Ruhrgebiet ziehen. Wir haben die Dortmunder Meistertitel erleben müssen, unvermittelt, die Fans um uns herum, haben Freundschaften und persönliche Beziehungen geführt, während denen wir den Fußball so gut es ging aus der Sache raushalten mussten. Wir haben jedes Anrecht, sie bei Gelegenheit zu verabscheuen oder zu verhöhnen. Aber nicht irgendwelche Schickeria-Fans aus dem arroganz- wie geldverseuchtem Alpenvorland, für den der Pokal eh nur eine weitere, nie mehr beachtete Stickerei auf irgendeinem Wimpel ist.

In der zweiten Halbzeit gab es da noch wenige Trikot- und ein paar mehr Anzugträger, die den Bayern noch Gutes wünschten, der Rest war auf Dortmunder Seite, dabei eben auch die Schalker, für die Dortmund jetzt nun mal die waren, die aus dem Ruhrgebiet da waren, um irgendwie noch die Bayern zu schlagen. Bei aller durchgängig gepflegter und gegenseitiger Feindschaft, im Zweifelsfall sind uns die Dortmunder doch näher, gerade weil sie zu unserem Verein gehören, wenn auch auf abartige, perverse Weise.

In dieser einen Schalke Kneipe wird vermutlich nie wieder soviel Unterstützung für den BVB zu finden sein wie gestern Abend. Einmal wurde ein BVB-Tor da nicht mit Ignoranz bestraft oder bestöhnt, sondern bejubelt. Und ja, auch ich habe gejubelt. Ein wenig verhaltener als sonst. Aber ich habe dem BVB den Sieg gegönnt. Dieses eine mal. Und vermutlich nur dieses eine mal. Aber gestern hätten sie gewinnen sollen.

Natürlich haben sie am Ende nicht gewonnen. Aber trotzdem war es ein unterhaltsamer und witziger und lehrreicher Abend, wieder eine Rechtfertigung, warum das Pokalfinale was besonderes sein kann, was es nicht geworden wäre, wenn Bayern einfach 1:0 gewonnen hätte. Einen Abend lang haben Schalker den Dortmundern die Daumen gehalten und sie zum Sieg gewünscht, einen Abend lang bezog sich mein gequältes „Was machen die denn da?” mal nicht auf königsblaue Spieler. Einen Abend lang hat man mal, wider Erwarten, mit dem Feind gefiebert, weil auf der Gegenseite nicht mal mehr ein Feind stand. Und wie absurd solche Abende verlaufen, war der Höhepunkt der ruhrgebietlerischen Fraternisierung erreicht, als Yours Truly einer Dortmunderin auch noch half, ihren verloren gegangenen und auch schon gegebenen Ehering wiederzufinden. Wann gibt’s das schon mal: Schalker rettet Dormunder Ehe, Dortmunder Mädels geben Schalker Bier aus? Nicht dermaßen oft. Und die Frage, warum Dortmunder Anhängerinnen der Ehering so locker am Finger sitzt, spar ich mir hier auch.

Das ganze Versöhnungsgedöhns ist sicherlich nicht von Dauer, gemeinsame Heimat, Freundschaften und gemeinsame Gegner hin oder her. Beim nächsten Derby wird wieder leidenschaftlich gehasst. Darum könnte ich auch nicht ehrlich mit einem der kulturphilosophischen Texte des letzten Jahrhunderts enden: „Wenn ihr euch ändern könnt… Und ich mich ändern kann… Dann kann sich die ganze Welt ändern!” Denn dass würde ja irgendwo die Bayern mit einschließen.

Und dazu mag ich die gegenseitige Feindschaft auch zu sehr.

[1] Für die Sozialwissenschaftler unter den Lesern: täuscht mich der manchmal entstehende Eindruck, dass es durchaus eine positive Korrelation zwischen den drei Werten gibt: FC Bayern, Kirche und CDU, was die nicht Münchner Bayern-Fans anbelangt? Gibt es vielleicht sogar psychologische Zusammenhänge, etwa Erfolgs-Opportunismus, Majoritäts-Sehnsüchteleien oder auch nur ein genereller Hang zur Kritiklosigkeit? Warum sind diese zentralen Fragen über das Deutschland, in dem wir leben, nicht erforscht oder nicht ausreichend publiziert?

Verlinkt: die ganz persönliche, sehr wertgeschätzte Dortmunder Perspektive.

7 Responses to “Heimat, wo man Feindschaft pflegt”

  1. I can feel your pain. Im Eishockey-Halbfinal der Schweizer NLA musste ich mir 6 Spiele lang Davos gegen ZSC anschauen, was für mich etwa denselben Effekt hat, wie sich mit einem Stahlhammer auf die Weichteile zu schlagen. Naja, Ambri gegen ZSC hätte das ganze noch getoppt. Andererseits ist es jetzt auch nicht besser, da die Hockeysaison vorbei ist… Es hat etwas Paradoxes, dass ich meine Zeit sogar lieber damit verbringe, mich über “Feind”-Teams zu ärgern, als gar kein Hockey zu sehen.

  2. Die Sozialwissenschaftler schauen da eher auf die Binnenstrukturen der Anhängerschaft. Deswegen ist die Frage nach dem Zusammenhang von CDU, Kirche und FC Bayern-Fantum noch nicht untersucht.

    Aber, und da wird jeder Münchener zustimmen, gibt es beispielsweise allein schon in der Fanverteilung zwischen dem FC und 1860 herausstechende Unterschiede. Das mag an der unterschiedlichen Herkunft liegen, auf der einen Seite das Arbeiterviertel Giesing, auf der anderen Seite der in Schwabing gegründete FC. Wobei das interessante ja ist, dass Schwabing seine Berühmtheit den Zugezogenen verdankt, und auch etliche Gründungsmitglieder des FC keine wirklich gestandenen Bayern waren.

    Vielleicht liegt da schon der Hase im Pfeffer, und der FC ist nichts anderes als die Projektion eines “erfolgreichen Weltvereins”, dem man sich auch ohne geographische Nähe zugehörig fühlen kann. Das ist etwas, was den 60ern komplett abgeht.

    Ich glaube, das es den Bayern-Fans mehr um das Gewinnen und die Bestätigung des Erfolgs geht, als um den Sport oder das Fansein an sich. Da ist der Sprung zur CDU dann nicht mehr weit, die schreibt sich ja jeden Erfolg auch auf die eigene Fahne - vor allem in Bayern.

    Wie die Kirche da reinpasst ist mir allerdings nicht ganz klar ;)

  3. @ dvizard

    Mir liegt, ehrlich gesagt, sogar niederländisches Damenhockey näher als Schweizer Eishockey, darum sagt mir das alles wenig. Aber der Effekt ist sicher vergleichbar.

    @ Mark

    Die UdK hat gerade eine ähnliche Umfrage mit Schalkern durchgeführt (hier, Umfrage ist aber geschlossen und noch nicht ausgewertet). Mal schauen, was da rauskommt.

    Wie die Kirche da reinpasst ist mir allerdings nicht ganz klar ;)

    Das muss ich auch noch mal bedenken. Vielleicht ist gar nichts dran, zumal traditionelle Vereine auch so schon oft eine gewisse Kirchennähe haben, Schalke nicht zuletzt durch den ehemals hohen Anteil an polnischen Zuwanderern in der Region. Das, was für den FCB übrigbliebe, könnte auch einfache Kreuzkorrelation mit der CDU sein :-)

    Danke für die Erläuterungen!

  4. Oh, das scheint mir ja für Dich gewesen zu sein, wie zwischen Pest und Cholera entscheiden zu müssen…

    Ich habe mich bisher ja immer sehr aus dem Fussball raus gehalten. Klar, als richtige Kölnerin, die ich nunmal bin, muss ich irgendwie auch zum FC Köln stehen. Tu ich auch, obwohl ich kein Fussballschauer bin. Aber ein wenig Zugehörigkeit zur eigenen Stadt/Region muss ja schon da sein. Auch wenn es nur 2. Liga ist!
    Ich befürchte aber, dass ich, wenn ich in den Pott zum Studieren gehe, Flagge zeigen muss, nicht wahr? Also Du würdest mir zu Schalke raten? ;-)

    Was Bayernfans angeht, stimme ich mit Mark vollkommen überein. Es sind einfach Opportunisten, die nicht verlieren können und sich somit zu den Starken gesellen - sich dadurch selber komischer weise auch wie Gewinner fühlen.

  5. Ich befürchte aber, dass ich, wenn ich in den Pott zum Studieren gehe, Flagge zeigen muss, nicht wahr? Also Du würdest mir zu Schalke raten? ;-)

    Also, erst mal musst Du auch im Pott nicht automatisch Flagge zeigen. Gerade die Bochumer Universität ist vermutlich weiträumig gespalten zwischen den drei direkt umliegenden Vereinen, dem von überall herkommenden Rest und den Nichtinteressierten.

    Dann kann ich Dir nicht zu Schalke “raten”. Ich kann schon, aber das hätte wenig Überzeugungskraft oder Evidenz. Auch der FC Schalke 04 ist ein kulturelles, soziales Konstrukt, und als solches lebt es aus der direkten Vermittlung und emotionalen Ergreifung. Natürlich könnte ich Dich mit immer weiteren Geschichten unserer reichen Tradition, unserer gebrochenen deutschen Historie, unserem unermesslichen Anekdoten- und Skandalschatz beeindrucken (und werde das hier auch immer wieder versuchen). Aber über die logische Ebene allein funktioniert da nichts.

    Insofern ist das nicht ganz einfach. Das, was Du an familiärer Sozialisation vermisst hast, wird bei Dir, jedenfalls zeigt das die Erfahrung, möglicherweise noch nachgeholt: durch Freunde und Freundinnen, aber vor allem durch Liebhaber und Liebesbeziehungen. Und das übersteigt die Möglichkeiten dieses Blogs doch gerade um einiges. Auch wenn er vielleicht dafür sorgen könnte, dass Du nicht später unreflektiert kleine Dortmunder in die Welt setzt ;-)

    Alles Gute,
    k.

  6. Auf Kohle geboren, um auf Schalke zu sterben ;)

  7. Kohle unter unseren Füssen,
    Schlote ragen hoch hinauf,
    unsere Heimat: Ruhr-Revier,
    Unser Club: der S04,
    ja so ist’s, und so wird’s auch immer sein.

    Hier auch als mp3 ;-)

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