Schokolade im Klimawandel und was Wissenschaftsjournalisten mit abgetrennten Fingern machen

Mal wieder Zeit, ein wenig was zusammen zu tragen.

Wer sich schon immer gefragt hat, warum geschmolzene Schokolade nach dem Wiederabkühlen nicht wieder wie astreine Schokolade aussieht, sondern wie eine eine krüppelig-weiche Pappe mit suspektem Belag, findet die Antwort bei Cosmic Variance. In kurz: es liegt an den unterschiedlichen Kristallstrukturen, in denen die Fettsäure-Moleküle der Schokolade aushärten. Das klingt an sich eher wie eine Geschichte, auf der man an Familiengeburtstagen missliebige Verwandte (”Was macht eigentlich Deine Doktorarbeit?”, “Kann man damit irgendwas werden?”) verscheuchen will; aber wenn man das verstanden hat, kann man es auch umgehen und somit nach Belieben Eßbares wie Uneßbares mit einem dann auch wirklich nach Schokolade aussehenden Schokoladeüberzug versehen. Wer hätte gedacht, dass Festkörperphysik und -chemie auch mal was nützliches rausfinden?

Die nächste Runde Klimawandel-Skepsis kann heute schon wissenschaftlich vorausgesagt werden. Wie pro-physik berichtet, zeigen neue Untersuchungen über die Auswirkungen von Meeresströmungen auf das Klima, das dem stetig nach oben weisenden Trend eine periodische Schwingung überlagert ist — soll heißen: während es allgemein immer wärmer wird, gibt es auf diesem Niveau noch Schwankungen, so dass einige Jahrzehnte einen scheinbar besonders schnellen Temperaturanstieg aufweisen, andere einen nur sehr geringen. An der grundsätzlichen Tendenz nach oben würde das nichts ändern, aber da wir uns möglicherweise gerade auf dem Weg in ein Tal dieser periodischen Schwankung befinden, kann es sein, dass das Klima erst wieder in einigen Jahren deutlich wärmer wird. Man sollte sich also darauf einstellen, dass es für einige Zeit nicht nur an jedem Regentag heißt: “Klimawandel? Ich merk nix…”, sondern auch vermehrt Leute Klimakurven in Kameras halten werden, um zu zeigen, dass da kaum noch was steigt.

Als Ergänzung zum Dauerthema Frauendiskriminierung in der Wissenschaft stellt DissBlogs Mierk Schwabe auf den wissenslogs eine neue Untersuchung vor. Vorherige Untersuchungen zeigten in der Tendenz eher, dass Publikationen von weiblichen Erstautoren einen besonders kritischen Begutachtungsprozess durchlaufen müssten. Das war Grund für einige Journale, ihr Begutachtungssystem doppelt anonymisiert durchzuführen, so dass die Begutachter nicht mehr über die Namen rausbekommen, ob die Veröffentlichung von einer Frau oder einem Mann geschrieben ist, oder gar noch nachgoogeln, wie diejenige denn wohl aussieht — oder ihre Facebook-Seite. Als Ergebnis findet man nun, dass die Umstellung zumindest an der Zahl der von Frauen veröffentlichten Artikel nichts ändert: die Entwicklung geht stetig nach oben, aber nicht anders als vor der Umstellung. Das ist zwar nur ein kleines Indiz gegen Diskriminierung und widerlegt so auch noch nicht die vorherigen Studien, aber es zeigt zumindest, dass man mit einer zu plakativen Beschreibung des Problems dem nicht gerecht wird. Und für alle Nichtwissenschaftler noch die Erläuterung: Erstautoren sind diejenigen, die zumeist die Wissenschaft machen und die Veröffentlichung schreiben, Letztautoren sind die, die das Geld organisieren und verwalten und am Ende die wissenschaftlichen Preise bekommen, bevor sie dafür zum Max-Planck-Direktor gemacht werden.

Und, fast zum Ende, wieder Humor: Dr. Mezmers Dictionary of Bad Psychology (via). Dieser Mann hasst so ziemlich alles, was an moderner Philosophie durch den Raum zieht: Evolutionspsychologie wie Mem-Theorie, Freud wie Selbsthilfe-Literatur und E. O. Wilson wie Daniel Dennett. Das hier zum Thema Sokrates:

Ancient Greek philosopher who believed that self doubt is healthy, constant inquiry is the way to knowledge, that a life unquestioned is a life unlived, and was poisoned by his society for his troubles. Socrates’ philosophy has been superceded by modern psychology, which believes that self confidence is healthy, constant inquiry is paranoia, and a life without too many questions fits the ideal world of ‘Martha Stewart’s Living’, where the ivy is the only thing poisonous.

Und das hier zum Thema Emotionale Intelligenz:

A type of intelligence, common among angry housewives, who combine emotions and intelligence as they berate their unemotional and witless husbands for not listening, not taking out the garbage, etc. Emotional intelligence quotients of EQ’s are also commonly handed out to ninnies who score low on IQ tests, thus making more than enough intelligence to go around.

Einen Blog dazu gibt’s auch.

Ein kleiner Test für den hiesigen Wissenschaftsjournalismus, und das noch ganz poppersch falsifizierbar: es gibt ja die gelegentlich von wem auch immer vertretene These, dass einige, einzelne Wissenschaftsjournalisten eher an einer guten Story als an einer die Story in Frage stellenden Recherche interessiert sind. Nun ging in Großbritannien gerade durch die entsprechenden Medien, dass es Wissenschaftlern gelungen sei, mittels revolutionärer Forschung einen abgetrennten Finger wieder nachwachsen zu lassen. Das wäre natürlich toll. Ich müsste mir um meine experimentelle Tapsigkeit weniger Sorgen machen und könnte hier noch titeln: Gott heilt keine Amputierten? Wissenschaftler schon. Win-Win.

Leider ist die Meldung eher Humbug, zumindest sehr, sehr zweifelhaft und so, wie sie zuerst durch die Medien ging, ganz einfach unkritischer Unfug. Ben Goldacre hat sich in zwei Posts mit der Sache befasst (bitte nicht beim Essen anklicken): hier und hier. Insbesondere beim letzten Bild im zweiten Beitrag kann man meiner Meinung nach schon erkennen, wieviel von dem Finger da wirklich abgetrennt war; dieser weiße Halbkreis sieht doch sehr nach den Narben aus, die ich auch überall an den Händen habe. [1] Und dann war das halt ein kleines Stück Fingerkuppe was ziemlich gut, aber auch nicht sensationell unerwartet gut verheilt ist.

Die britische Sensationsberichterstattung ist jetzt schon über eine halbe Woche alt und im deutschen Wissenschaftsjournalismus noch nicht aufgegriffen worden. Kann das sein? Es gibt einen älteren Heise-Artikel über die dahinterstehenden Forschungen, aber das war’s. Darum also mein Vorschlag: wenn das so bleibt, werde ich das im nächsten Wissenschafts-Überblick hier sehr loben und fast reumütig erwähnen. Wenn das nicht so bleibt, und die entsprechenden Artikel nicht kritisch auf die Zweifel an der Geschichte hinweisen, sondern die als mögliches Wunder oder direkt bevorstehenden Durchbruch darstellen, dann gibt’s eben dazu einen Artikel. Das Ganze ist natürlich ein rein objektiver Test, um halbempirisch nachzuschauen, ob man die Verbreiterung solcher Meldungen sogar vorhersagen kann. Mithin angewandte Seuchen-Soziologie.

Und damit die online recherchierenden Journalisten auch einen Weg haben, notfalls das hier zu finden, noch mal ein paar relevante Begriffe: Badylak, Lee Spievack, Schweineblasen-Extrakt, Extrazelluläre Matrix, Pixie dust. Viel Erfolg!

[1] Überall ist übertrieben. Und das lässt auch keinen Rückschluss auf meine Experimentiertapsigkeit zu. Im Dienst hab ich mir nur ganz reguläre, oberflächliche Erfrierungen an flüssigem Stickstoff zugezogen, oder wie wir bei uns sagen: The White Batch of Honor. Das gehört bei uns zu den Initiationsriten. Wirklich eklig sind großräumigere Erfrierungen an gerade noch flüssigem Helium. Man glaubt nicht, wie groß Brandblasen werden können.

5 Responses to “Schokolade im Klimawandel und was Wissenschaftsjournalisten mit abgetrennten Fingern machen”

  1. zum klimawandel: in der welt gibt es einen artikel zum thema. die kommentare der leser sind mehr als erschreckend …

    http://www.welt.de/wissenschaft/article1968510/In_Europa_wird_es_demnaechst_kuehler.html#reqRSS

  2. Die Kommentare kann man da wohl vergessen: wer sich halt so bei Welt-Online rumtreibt und meint, zu einem Klimabeitrag seine Meinung sagen zu müssen.

    Aber der Artikel ist wieder beliebig kenntnisfrei und verwirrend:

    2007 war, global gesehen, nur das siebtwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Tatsache, dass alle sechs wärmeren Jahre im Zeitraum seit 1998 liegen, zeigt einerseits, dass wir in einer warmen Zeit leben - andererseits aber auch, dass es zurzeit nicht noch wärmer wird. [meine Hervorhebung, k.]

    Das kann man so doch nicht ernsthaft schreiben, wenn man Grundkenntnisse in Statistik hat: 0,02 K Erwärmung pro Jahr, und der Welt-Autor meint, darum müsse jedes Jahr wärmer sein als das davor. Autsch.

    Wie kann man überhaupt eine Veröffentlichung über eine Überlagerung im Anstieg dermaßen verfälschen in einen klimawandelskeptischen Artikel? Eine Überlagerung ist auch, dass ich am Monatsersten mehr Geld habe als am -letzten und sagt mir gar nichts darüber, wie sich mein Kontostand insgesamt entwickelt. Und dann noch Sonnenflecken reinbringen, die damit gar nichts zu tun haben. Man kann die WELT nicht mehr ernst nehmen. Das hat mit Wissensvermittlung nichts mehr zu tun.

    Nur über nachgewachsene Finger, da wollen sie nichts schreiben…

    Danke,
    k.

  3. Ich sehe gerade, dass der Welt-Autor für solches schon bekannt ist und offenbar Beratung durch Blogs nicht annehmen will. Ich übergebe an Stefan Rahmstorf.

  4. ja die welt ist einfach schlecht. äußert sich in vielen artikeln, aber bei soetwas wird es immer wieder offensichtlich

  5. [...] um das gleich vorweg zu schicken. Vor einem Monat hatte ich über ein glänzend gelungenes Stück Wissenschafts-PR geschrieben, das vor allem durch die englische Presse ging, da aber ziemlich lautstark: dem amerikanischen [...]

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