Freiheit, die wir meinen: John R. Searle und der Wille

Bei Marc in der Wissenswerkstatt geht’s in die nächste Runde der Diskussion um die Freiheit des Willens, diesmal anhand eines Interviews mit John R. Searle. Das hatte ich damals zwar schon in der Printausgabe der FAS gelesen, war aber einerseits zu der Zeit schon in eine langwierige philosophische Debatte verstrickt; andererseits schien mir der Artikel nicht wirklich viel Neues zu beinhalten. Searle erklärt über weite Strecken des Interviews, was ihm am Kompatibilismus nicht gefällt, der Freiheit in etwa als Fehlen äußerer Zwänge auf den Menschen auffasst, selbst wenn dieser natürlich aus einer inneren Kausalkette heraus seine Entscheidungen treffe.

Jetzt halte ich nicht viel von Searles spärlich gestreuten Argumenten und habe dazu schon auch was in Marcs Kommentarteil geschrieben. Zum einen kann Searle sich nicht vorstellen, wie Menschen sich selbst als unfrei auffassen und damit weiter Entscheidungen treffen können — was meiner Meinung nach nicht darüber hinausgeht, was Naturalisten eh sagen: dass Freier Wille ein von uns geschaffenes Konzept ist, das uns rein introspektiv inzwischen so sehr selbstverständlich geworden ist, dass wir es als gegeben annehmen, vielleicht sogar annehmen müssen. Etwa so, wie auch das Ich nur ein Konzept des Bewusstseins wäre. Dass ich nicht so einfach von der Vorstellung loskomme, frei zu entscheiden, und die gegenteilige Erkenntnis nur abstrakt formulieren kann, beweist kaum etwas. Dass ich einen Gedanken wie “ich entscheide” nicht ohne Rückgriff auf die Konzepte “ich” und “entscheiden” formulieren kann, mag linguistisch und kulturtheoretisch interessant sein, bestimmend für die Natur des menschlichen Entscheidungsprozesses ist es wohl eher nicht.

Zum anderen empfinde ich Searles Einwände gegen diese Auffassung als hauptsächlich ästhetischer Natur und zudem als unzutreffend. Seine Vorstellung des Freien Willens ist diese:

Ist es der Fall, dass für alle meine Handlungen die vorausgegangenen Ursachen meiner Handlung ausreichend waren, um die Handlung zu bestimmen, oder gibt es Handlungen, deren vorausgegangene Ursachen nicht ausreichend waren, um sie zu bestimmen? Das ist die Bedeutung von freiem Willen, die ich interessant finde.

Alles, was sich gegen den so definierten Freiheitsbegriff wendet, wird von Searle auf die Ebene gestellt, wir seien dann nur Roboter, unser Leben, unser Streben und unsere Gefühle im Gesamtbild irgendwie sinnlos und zur Verantwortung für ihr Handeln könnten wir andere dann auch nur ziehen durch kompatibilistische Tricksereien. Jetzt glaube ich immer noch nicht, dass das Universum sich irgendwie dafür zuständig fühlt, unser Leben auch objektiv mit Sinn zu bereichern, von daher ist das Argument für mich ähnlich bedeutungslos wie ich dem Universum. Aber es geht auch am eigentlichen Alltagsempfinden vorbei: ein Gefühl, selbst eines der Verpflichtung und Liebe den eigenen Kindern gegenüber, mag keinen höheren Sinn haben, aber das macht es nicht weniger real und bedeutsam für den Menschen, der so fühlt.

Der naturalistische Ansatz ist in etwa, dass wir uns aus der Komplexität unseres Empfindens heraus (das verwoben ist mit unserer Geschichte, der Natur, Mitmenschen, der Kultur, in der wir leben, und nicht zuletzt mit der Rückkopplung des Bewusstseins zu sich selbst) als freie Wesen verstehen: als Entitäten in einem Beziehungs-Netzwerk, die einerseits Träger von Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung sind und andererseits in gewissem Rahmen unabhängige Beiträge und Impulse geben, die sich nicht allein aus dem Netz ergeben. Jedenfalls sind die Beiträge nicht prinzipiell vorhersagbar, ohne zuvor eine vollumfassenden Beschreibung aller Komponenten fertiggestellt zu haben. Da das nicht möglich ist, schon gar nicht für das natürliche, naiv Beziehungen herstellende Bewusstsein selbst, wird diese fehlende Bestimmbarkeit als Freiheit verstanden.

Einwände gegen diesen Ansatz sind zumeist, wie hier, ästhetisierender Art und scheinen eher durch die einhergehende Kränkung des Menschenbilds motiviert, aller geschichtlichen Erfolglosigkeit solcher Argumentation zum Trotz. Dazu baut man sich den Naturalismus, wie man ihn braucht, um bessere Angriffe auf ihn fahren zu können: anstelle des Menschen als weit jeden heutigen Verständnis liegenden und hochkomplexen Natur- wie Kulturwesens, wird die naturalistische Beschreibung zum “Mensch als Automaton” abgestuft. Searle gebraucht das Wort Maschine.

Vor allem verstehe ich aber Searles Definition nicht, jedenfalls kann ich sie nicht mit Inhalt füllen. Es gelingt mir nicht zu durchdringen, worin dieser Freiheitsbegriff bestehen soll: ist es Magie, die wirkt, wenn alle Kausalität aufgehoben ist, und soll ich dann selbst noch diese Magie sein, wiewohl ich ansonsten nicht besonders magisch rüberkomme, nicht mal introspektiv? Wie würde das aussehen? Ich weiß jetzt schon von den allermeisten Entscheidungen nicht, warum ich sie treffe (nicht mal, dass ich sie treffe). Und die vorgeblich bewusst getroffenen Entscheidungen scheinen mir alles andere als unverursacht, obgleich ich selbst da sagen muss, dass die Geschichten, die unser Ich sich selbst zu ihrer Rechtfertigung erzählt, in den meisten Fällen Konstrukte zu sein scheinen, die mal mehr, mal weniger die tatsächliche Verursachung wiedergeben können.

Ich verstehe also nicht: wie könnten wir überhaupt von einer Entscheidung sagen, dass sie im searleschen Sinne frei getroffen worden ist? Wie würden wir eine solche Entscheidung erkennen und von einer unterscheiden können, die nicht frei gefallen ist, deren Ursache wir aber nicht bis ins letzte Detail bestimmen können? Welchen Erklärungswert hat in dem Zusammenhang das Wort “frei” vor dem Wort “unbekannt”? Und wie könnten wir “frei” schließlich von “zufällig” unterscheiden, wenn Kausalitäten dabei nicht mehr gelten?

Solange wir diese Fragen nicht beantworten können (ich kann es, vielleicht aus persönlicher Beschränkung, nicht), scheint es mir wenig Sinn zu haben, von einem Freien Willen zu sprechen im Sinne einer entitätischen Eigenschaft des Menschen, nicht nur als Konstrukt in seiner Selbstauffassung. Als letzterer ist er ein vollkommen gerechtfertigter kultureller Begriff, gerade im Sinne des Kompatibilismus. Searle hingegen beschreibt eine Begrifflichkeit, die letztlich nur darauf abzielt, Sinn zu spenden, die für unser kulturelles Bild von uns selbst möglicherweise relevant ist, ohne nachzuweisen oder auch nur anzudeuten, wie sie in der Natur verankert sein kann oder auch wie wir sie auch nur grundsätzlich erkennen könnten.

Für einen Ansatz, der letztlich doch Wahrheit beschreiben will, ist mir das zu wenig.

Weitere Beiträge zur Willensfreiheit: zu den Haynes-Experimenten und zu den Folgen für das Strafrecht

8 Responses to “Freiheit, die wir meinen: John R. Searle und der Wille”

  1. Den gemischten Salat in der Frage des freien Willens haben sich Naturalisten & co selbst eingebrockt: Die dualistische Geist-Gehirn Konzeption wurde ausgeschieden, und schon können sie sich ackerlang mit Evolutions- und Emergenzmodellen herumschlagen. Viel Vergnügen, denn meiner sehr bescheidenen Auffassung ist dieser Weg milliardenfach länger als die Chinesische Mauer, oder mit einer um eine Spur anschaulicheren Metaphorik formuliert, wie eine chinesische Schachtel, die sich ohne Ende weiter öffnen lässt…

    So hat man als forschender Naturalist ein nettes naturwissenschaftliches Leben, dass niemals in die Verlegenheit kommt, die althergebrachte philosophische Entscheidungsfrage anzugehen, die da lautet: Nicht die ‘Freiheit von’, vielmehr die ‘Freiheit für’ meint die Kernfrage des persönlichen Lebens, die es immer wieder aufs Neue zu entscheiden gilt. Anders gesagt: Nicht so sehr die Freiheit von Zwängen und Kausalitäten, sondern die Freiheit beispielsweise eines Ordensgründers für einen neuen Lebensweg im Namen der Liebe ist interessant, jedenfalls dann, wenn man über den Tellerrand des irdischen Lebens hinausblicken will.

    Aber nein, wir stehen im Sold der Wissenschaft, wir können und wollen uns viele Leben lang mit den akademischen Fragestellungen beschäftigen, wie sehr menschliche Entscheidungen und Ausführungen wovon determiniert sind, inwiefern emergenztheoretisch Erkenntnisfortschritte zu erzielen sind, oder inwieweit wieder einmal (gähn) evolutionsbiologische Modelle zu bemühen sind… denn am Ende könnte es ja doch gelingen, wahre künstliche Intelligenz zu schaffen!*

    Wie bereits vorweggenommen, scheinbar als Abfallprodukt erhalte ich als so agierender Naturalist noch den Vorteil, nie in die Situation zu kommen, aus eher schwammig empfundenen Motivationen einfach zu glauben (nein, nein, um Himmels Willen, wir brauchen gesicherte, jedenfals mit hoher Wahrscheinlichkeit belegte Erkenntnisse!). Sich gar auf Lebenspfade einzulassen, die den Dualismus in der Geist-Gehirn-Frage voraussetzen, die gar nach komplexeren ethischen Entscheidungsfindungen (altruistischer Natur) fragen als die ewig einfachen Werte „Glück und Selbstbestimmung des Individuums“ es nahelegen?

    Die Bewusstseins- und Evolutionsmodelle naturalistischer Prägung müssen sich mit den ausschliesslich menschlichen Wertekategorien (für Ameisen oder Elefanten gilt das nun nicht) Liebe, Hoffnung und Gnade nie auseinandersetzen, die wurden ja a priori als okkulter Humbug ausgeschieden.

    Doch wäre es nicht unspannend, neurowissenschaftlichen Untersuchungen beizuwohnen, die eindeutig zu beantworten versuchen, mit welcher Freiheit Mutter Teresa, Mahatma Gandhi, Franz von Assisi, und zeitgenössische Altruisten ihre Lebenswege der Liebe beschritten haben respektive beschreiten?**

    Ich sehe bei diesem ganzen Spiel amüsiert zu, wie Naturalisten immer tiefer in das Dilemma geraten, den freien Willen (naturwissentschaftlich) nicht wahrhaben zu wollen, aber als einfache Menschen ohne das Postulat des freien Willens (siehe J.Searle) nicht leben zu können… bon amusement!

    *Das ist doch wirklich ein lohnendes Ziel, eine Vorzeigeangelegenheit sozusagen, endlich die „denkende“ Maschine ins Leben zu rufen, die menschengleiche Verstandeswerte aufweist: Da endgültige, das Forschen endende Erkenntnisse weder wahrscheinlich noch erwünscht sind, wäre der Roboter mit klarem Bewusstsein doch eine willkommene und Verschnaufpause mit Applausgarantie.

    ** “Liebe“ würden die Herren und Damen Wissenschaftler wohl durch „prosoziales Verhalten“ ersetzen wollen, mit so „weiten und unscharfen“ Begriffen wie „Liebe“ lässt sich – trotz beeindruckendster Wissenschaftsfortschritte auf allen Ebenen - vermutlich nicht arbeiten.

  2. Ach, Amüsement ist doch das Hauptziel hier, und solange das erreicht wird…
    Hingegen, Dualist zu sein, weil ich darauf hoffe, dass es wahr ist, halte ich für ähnlich geschickt, wie mir einzureden, fliegen zu können, weil ich das gerade für spannend hielte. Manche wollen halt lieber verstehen, andere wollen lieben glauben. Was kein Problem wäre, wenn die Glaubenden nicht andernorts dann behaupten würden, dadurch vor allem verstanden zu haben.

    Das Leben zu verstehen und das eigene Leben zu leben, sind übrigens zwei ganz verschiedene, weitgehend voneinander unabhängige Fragen, die man auf eigene Gefahr vermischt.
    Und Ob Searle sich als Naturalist bezeichnen würde, weiß ich nicht. Aber es stimmt schon: nicht wissen zu wollen ist ein eleganter Weg, die Schwierigkeiten des Erkenntnisgewinns zu umgehen.

  3. Ein “Dualismus in der Diskussion” ist deinem Kommentar zu entnehmen, daher halte ich fest: Wissen abzulehnen ist meine Sache nicht, dazu habe ich “zuviel” Zeit in Ausbildung investiert, vor allem aber ist das Interesse für die Natur- und Geisteswissenschaften vorhanden. Warum sonst sollte ich es mir antun mich beispielsweise durch 534 Seiten Dawkins zu quälen, die zum erheblichen Teil mit Geschmacklosigkeiten und Unterstellungen gespickt sind? Den Glauben zu leben habe ich dadurch nicht verlernt, er wird mir im Angesicht diverser Abhandlungen “seichter Atheistenvertreter angelsächsischer Prägung” (Peter Sloterdijk, “Kritik der zynischen Vernunft”, “Gottes Eifer”) sogar wertvoller.

    “Dualismus” hier im Sinne, die eine Seite betreibt nur Wissenschaft und die andere nur ihren Glauben, geht am realen Leben vorbei und ist (pardon) stinklangweilig. Wirklich und wahrhaft spannend ist es doch, beide Positionen und Interessen in nur einem Leben überzeugend (!) unterzubringen.

    Bei aller Wertschätzung der Wissenschaft und ihrer Vertreter, gewinne ich aus Diskussionen mit Naturalisten neben einer Reihe von Anregungen immer mehr den Eindruck einer Rigidität gegenüber Menschen, die sich zum Glauben bekennen. Das heisst doch nur, dass man selbst genau in das Schema verfällt, dass Gläubigen zum Vorwurf gemacht wird.

    Man kann den Vorwurf erheben, dass ab einem gewissen Niveau der Biologie und Physik meinetwegen ich mit meinem Wissensstand nicht mehr mitreden kann, aber wie sieht es denn umgekehrt aus? Welche grotesken Un- und Halbwahrheiten müssen Christen sich über “Unfehlbarkeitsdogma”, “Unbefleckte Empfängnis”, “Trinität” etc. anhören? Den grundsätzlichen Respekt, den ich Wissenschaftsvertretern grundsätzlich entgegenbringe, erwarte ich auch umgekehrt. Der Glaube kann bis auf die Knochen angezweifelt werden, aber Existenzrechte können ihm bis dato mit korrekten wissenschaftlichen Argumenten nicht abgesprochen werden.

    Die Diskussion mit Thomas Schärtl in deinem blog möchte ich besonders positiv hervorheben, denn sie wurde mit einem gewissen Respekt von beiden Seiten geführt. Ist dieser Respekt nach der Diskussion weiter vorhanden? Gibt es gar keine Punkte, die für dich signalisieren, dass ein theologisch geprägtes Leben auch im Sinne der ratio vertretbar sein kann? Ist ein “Schärtl-Leben” doch nur bemitleidenswert, weil so geartetes Denken letztlich auf “christlichen Aberglauben” zurückfällt?

    Jedenfalls, für eine Diskussion, die von Unterstellungen lebt, ist mir die Zeit zu schade. Ich muss mich ermahnen, Naturalisten & Co nicht zu unterstellen, dass sie willkürlich herausgegriffen Position pro Multiversumtheorie und contra Dualismus beziehen, weil es in besonderem Mass den atheistischen Positionen entspricht, und erwarte umgekehrt, dass gläubigen Diskutanten nicht einfach entgegengeschleudert wird, dass sie die “Dualismustheorie” einfach glauben wollen.

    Das ist insbesondere verdächtig, wenn dann Wissenschaftsblogs explizit festhalten, dass sich nach aktuellem Erkenntnisstand gar nicht herausfinden lässt, was ein Mensch aus freiem Willen entscheidet und umsetzt, und was nicht. Korrigiere mich, aber mir ist nicht bekannt, dass die Dualismus-These ganz klar und eindeutig vom Tisch ist. Wie frei ist also die Enscheidung der Naturalisten & Co, der einen Theorie den Vorzug zu geben, solange die anderen Modelle nicht letztgültig aus dem Rennen sind? Wenn wir den Verdacht weglassen, dann bleibt die Angst, eine Minderheitsposition zu vertreten, eine Position also, die gerade nicht en vogue ist.

  4. Ach, kroski, ich habe hier nirgendwo geschrieben und das meiner Meinung nach auch nie so gehandthabt, dass es einen Mindestbildungsabschluss oder naturwissenschaftliche Referenzen bedürfe, um hier mitzureden. Nur, anstatt hier Metadiskussionen über Respekt und naturalistische Forschungsgeldverschwörung zu führen, gab’s in all den hundert Worten noch kein Argument für den Dualismus von Dir. Wenn Du für den mit Fragen der Lebensführung belegen willst, gar noch forderst, dass man sich erst auf ihn einlassen müsse, dann sind das Glaubensargumente, keine deduktiven.

    Die Dualismus-These ist soweit vom Tisch, dass wir bisher keine Anzeichen für ein dualistisches Bewusstsein gefunden haben und es aller anderen Wissenschaft erst mal widerspricht. Darum geben die meisten Wissenschaftler derzeit nicht viel für Dualismus. Und es ist an Dualisten, falsifizierbare Vorhersagen zu machen, damit Dualismus wieder als Modell ernst genommen werden kann. Dass alles letztlich auch ganz anders sein könnte, wenn wir nur in perfekter Welterkenntnis alles erkennen könnten, ist in der Wissenschaft eben kein besonders stichhaltiger Grund, ein solches Modell zu favorisieren.

    Die Rigidität am Glauben ist den meisten übrigens egal, wenn die nicht damit einherginge, dass Glaubenssätze immer mal wieder als verbindlich vorgesetzt würden. Aber auch für den Glauben gilt: ohne Falsifikationsmöglichkeit kein positiver Inhalt. Gäbe es einen positiv bestimmbaren Inhalt, der für uns irgendwie nachprüfbar wäre, wäre der Glaube ja nicht unfalsifizierbar.

  5. “Wenn Du für den (Dualismus) mit Fragen der Lebensführung belegen willst, gar noch forderst, dass man sich erst auf ihn einlassen müsse, dann sind das Glaubensargumente, keine deduktiven.”

    So einen Bockmist habe ich nicht gefordert. Es hiess vielmehr:

    “gewinne ich aus Diskussionen mit Naturalisten … immer mehr den Eindruck einer Rigidität GEGENÜBER Menschen, die sich zum Glauben bekennen. Das heisst doch nur, dass man selbst genau in das Schema verfällt, dass Gläubigen zum Vorwurf gemacht wird.”

    Wenn du diese Vorgehensweise gutheißt, nehme ich das zur Kenntnis.

    Thema freier Wille:

    1.
    “…wenn dann Wissenschaftsblogs explizit festhalten, dass sich nach aktuellem Erkenntnisstand gar nicht herausfinden lässt, was ein Mensch aus freiem Willen entscheidet und umsetzt…Wie frei ist dann die Enscheidung der Naturalisten & Co, der einen Theorie den Vorzug zu geben, solange die anderen Modelle nicht letztgültig aus dem Rennen sind?”

    Ein Beispiel ist es, das Multiversum-Modell gegenüber der These Universum zu bevorzugen, mit dem Seitenhieb der Multiversumanhänger, dass man dann erst recht keinen Gott bräuchte.
    Dazu gabs leider keine Antwort.

    2.
    “Doch wäre es nicht unspannend, neurowissenschaftlichen Untersuchungen beizuwohnen, die eindeutig zu beantworten versuchen, mit welcher Freiheit Mutter Teresa, Mahatma Gandhi, Franz von Assisi, und zeitgenössische Altruisten ihre Lebenswege der Liebe beschritten haben respektive beschreiten?”

    Bei soviel Spass daran, Religionsausübenden Aberglauben und Gehorsamswahn vorzuwerfen, müsste es doch lohnend sein, Mutter Teresa als kausal gesteuerte Maschine zu entlarven.
    Gibts darauf keine Antwort?

    Resumme der Schärtl-Diskussion:

    “Gibt es gar keine Punkte, die für dich signalisieren, dass ein theologisch geprägtes Leben auch im Sinne der ratio vertretbar sein kann? Ist ein “Schärtl-Leben” doch nur bemitleidenswert, weil so geartetes Denken letztlich auf “christlichen Aberglauben” zurückfällt?”

    Auch hier keine Antwort, leider.

    Natürlich möchte ich nicht Deine freien Tage beeinträchtigen, aber wann immer du genügend Amüsement an einer Antwort findest, sehe ich dieser mit Interesse entgegen.

  6. So einen Bockmist habe ich nicht gefordert.

    Dein erster Kommentar: “Sich gar auf Lebenspfade einzulassen, die den Dualismus in der Geist-Gehirn-Frage voraussetzen, die gar…” Das habe ich mal als Dein Argument für den Dualismus aufgefasst, der Rest ging ja eher über die große Verschwörung naturalistischer Wissenschaftler.

    Wenn du diese Vorgehensweise gutheißt, nehme ich das zur Kenntnis.

    Ich weiß gar nicht, was Du mit Rigidität meinst. Mein Respekt vor Gläubigen beschränkt sich darauf, dass es mir egal ist, ob sie für sich oder in Gruppen eine Marienstatuette anbeten oder Regentänze aufführen. Insoweit würde ich sogar deren Recht verteidigen, nach ihrem Gusto glücklich zu werden. Der Respekt beinhaltet nicht, dass ich mir einreden lasse, zwischen Ritual und Realität bestünde irgendeine machtvolle, aber leider unbeweisbare Verbindung, abgesehen von der durch den Kopf des Glaubenden.

    “…wenn dann Wissenschaftsblogs explizit festhalten, dass sich nach aktuellem Erkenntnisstand gar nicht herausfinden lässt, was ein Mensch aus freiem Willen entscheidet und umsetzt…

    Dazu musst Du mir erklären, welchen Freiheitsbegriff Du meinst. Ich habe hier mehrmals versucht darzustellen, welche Begriffe mir wissenschaftlich derzeit plausibel denkbar erscheinen, z.B. kompatibilistische. Die werden Dir aber vermutlich zu metaphorisch sein.

    Wie frei ist dann die Enscheidung der Naturalisten & Co, der einen Theorie den Vorzug zu geben, solange die anderen Modelle nicht letztgültig aus dem Rennen sind?

    Die Frage hat doch wenig Sinn, wie soll ich auf sowas antworten? Entweder frei oder nicht frei, je nach Deiner Definition, aber das ändert sich nicht mit Deiner Ansicht über Deine Freiheit.

    Ein Beispiel ist es, das Multiversum-Modell gegenüber der These Universum zu bevorzugen, mit dem Seitenhieb der Multiversumanhänger, dass man dann erst recht keinen Gott bräuchte.

    Ersten Teil verstehe ich nicht. Zweiter Teil ist auch Quatsch: selbst wenn Multiversen bewiesen würden, säße der katholische Gott plötzlich hinter dem Metauniversum, dass er dann total fein abgestimmt hat. So viele Sprünge, wie er schon nach hinten hat durchführen müssen, wird er den doch wohl auch schaffen.

    Bei soviel Spass daran, Religionsausübenden Aberglauben und Gehorsamswahn vorzuwerfen, müsste es doch lohnend sein, Mutter Teresa als kausal gesteuerte Maschine zu entlarven.

    Du weißt, was neurowissenschaftliche Untersuchungen sind, oder? Bis wir das mit dem Wiederbeleben rausgekriegt haben, wird das leider so nicht möglich sein. Mir reicht aber die Untersuchung am Mensch allgemein. Es sei denn, Du würdest ernsthaft eine Übermenschen-These in Bezug auf Nonnen vertreten.
    Zum Maschinen-Begriff habe ich oben schon was geschrieben, aber Du brauchst die Vereinfachung vermutlich.

    “Gibt es gar keine Punkte, die für dich signalisieren, dass ein theologisch geprägtes Leben auch im Sinne der ratio vertretbar sein kann?

    Hatte ich beantwortet: Leben erklären und Leben leben sind andere Dinge. Wenn Du ratio so definierst, dass Du ein erfülltes Leben lebst, kannst Du das gerne mit Glauben machen. Ist ja dann eh nur ein subjektives Kriterium an ratio.

    Ist ein “Schärtl-Leben” doch nur bemitleidenswert, weil so geartetes Denken letztlich auf “christlichen Aberglauben” zurückfällt?”

    Ich bemitleide Menschen, die leiden; nicht Menschen, die anderer (meiner Meinung nach falsche) Ansichten haben, aber ansonsten ganz glücklich sind. Für sich können die aberglauben, was sie wollen.

    Natürlich möchte ich nicht Deine freien Tage beeinträchtigen,

    Freie Tage, schön wär’s. Dann säß ich bestimmt nicht am Rechner.

  7. “der Rest ging ja eher über die große Verschwörung naturalistischer Wissenschaftler.”

    Hm, also zu Verschwörungstheorien greife ich (noch :-) ) nicht.

    “Sich gar auf Lebenspfade einzulassen, die den Dualismus in der Geist-Gehirn-Frage voraussetzen,…”

    War ein wohl zu schwacher Versuch, zu provozieren, werde mir wirkungsvolleres überlegen…

    “Dazu musst Du mir erklären, welchen Freiheitsbegriff Du meinst. Ich habe hier mehrmals versucht darzustellen, welche Begriffe mir wissenschaftlich derzeit plausibel denkbar erscheinen, z.B. kompatibilistische.”

    “Anders verhält es sich beim Kompatibilismus, der zwar eine neuronale Bedingtheit der Willensentscheidungen konstatiert, dies aber nicht als Widerspruch zur Handlungsfreiheit konzeptionalisiert. D.h. - so wie ich es verstehe - der Determinismus wird zwar akzeptiert, allerdings werden (Handlungs-)Alternativen behauptet, so daß dadurch eine (Wahl-)Freiheit des Akteurs bestehen bleibt.” (Marc/Wissenswerkstatt)

    Deine Position ist, Kompatibilismus ist wahrscheinlich und Dualismus ist unwahrscheinlich. Nun setzen wir beide Modelle in die black box und betrachten nur den output: Beide Modelle erkennen (wenn auch auf gänzlich unterschiedlichen Wegen) eine Wahlfreiheit des Individuums. Wenn das so ist, lebe ich sowohl als Dualist als auch als Kompatibilist frei in der Wahl meiner Entscheidungen.

    Soweit wir bis hierhin konform gehen, frage ich konkret: Was hindert mich als Kompatibilist zu folgenden Entscheidungen zu kommen:

    1. Jesus von Nazareth hat mit hoher Wahrscheinlichkeit gelebt.
    2. Ich habe die Wahlfreiheit, seinen Worten zu folgen oder auch nicht.
    3. Ich bin dafür, dass Sonntage auch in Zukunft arbeitsfrei sind und schliesse ich mich (in freier Wahl) seiner Bewegung an.

    Wenn wir diese Entscheidung grundsätzlich annehmen können, stelle ich fest, dass der Einwand “als Christ MUSST du auf dem dualistischen Modell beharren” nicht hieb- und stichfest ist.

    “Du weißt, was neurowissenschaftliche Untersuchungen sind, oder? Bis wir das mit dem Wiederbeleben rausgekriegt haben, wird das leider so nicht möglich sein.”

    Ich hatte doch geschrieben: Mutter Teresa oder zeitgenössische Altruisten: Gemeint ist eine representative Untersuchung lebender Altruisten (auf eine Definiton “altruistisches Untersuchungsobjekt” werden wir uns schon einigen können). Also: “Neurodetektor für kompatibilistische Wahlfreiheit” anwerfen!

    “Ich bemitleide Menschen, die leiden.”

    Genial. Hoffe stark, du beanspruchst kein copyright.

    “Freie Tage, schön wär’s.”

    Für mich ist es Freizeit. Respekt bitte! ;-)

  8. War ein wohl zu schwacher Versuch, zu provozieren, werde mir wirkungsvolleres überlegen…

    Warum sollte ich mir hier Provokationen erbitten, zumal unter einem wissenschaftliche debattierenden Text, keinem atheistisch religionskritischem?

    Beide Modelle erkennen (wenn auch auf gänzlich unterschiedlichen Wegen) eine Wahlfreiheit des Individuums. Wenn das so ist, lebe ich sowohl als Dualist als auch als Kompatibilist frei in der Wahl meiner Entscheidungen.

    Kompatibilismus befasst sich mit dem Handeln eines Individuums und versucht zu ergründen, unter welchen Voraussetzungen man diese als frei bezeichnen kann oder gar empfinden würde. Natürlich gibt Dir das denselben Effekt, weil der Effekt ja schon vorgegeben ist: in der Auffassung des eigenen Handelns vermeinen wir, Freiheit ausmachen zu können. Würde Determinismus, kompatibilistisch oder nicht, das nicht erklären können, wäre er doch schon durch Alltagserfahrung widerlegt.
    Andersrum wird ein Schuh draus: weil auch ohne Dualismus das Empfinden von Freiheit erklärt werden kann, macht es keinen Sinn, einen inzwischen inplausiblen Dualismus als wahr anzunehmen.

    Was hindert mich als Kompatibilist zu folgenden Entscheidungen zu kommen:

    Was ist dieser Kompatibilist? Ist es ein Denkender, dessen Natur durch den Kompatibilismus beschrieben wird? Als solcher kann er natürlich denken, was er will, auch Falsches.
    Oder ist es jemand, der von sich denkt, er sei Kompatibilist (was nichts aussagt über seine zugrunde liegende Natur)? Dann hätte er vermutlich Probleme, wieso Menschen, die nur über eine Freiheitskonzeption verfügen, in ihrem Innersten aber “deterministisch entscheiden”, also nur Teil eines höhergeordneten Naturablaufs sind, unter die dualistische Schuld-Sühne-Erlösung-Philosophie der Religion fallen sollte.
    Der ganze Text hier geht über die zugrunde liegende Natur, es geht nicht darum, ob sich jemand als Dualist oder Naturalist begreift und welche Schlüsse er daraus für sich zieht.

    Wenn wir diese Entscheidung grundsätzlich annehmen können, stelle ich fest, dass der Einwand “als Christ MUSST du auf dem dualistischen Modell beharren” nicht hieb- und stichfest ist.

    Also, erst mal habe ich über Christen und Dualismus in dem Post nichts geschrieben, soweit ich das sehe, hast Du das Fass aufgemacht. Wenn es einen Widerspruch gibt zwischen Christen und Nicht-Dualismus, dann läuft der nicht über: nicht-dualistische Funktionsweise -> kann nicht glauben; sondern über: Selbstauffassung Christ -> metaphysische Vorstellung -> unvereinbar mit Nicht-Dualismus.
    Kompatibilismus ist ein Konzept, wie wir Menschen als in ihren Handlungen frei auffassen können in einer naturalistischen Welt. Die Freiheit ist dabei eine Zuschreibung an den Handlungsspielraum der Individuuen und eine Erklärung, was wir mit Freiheit meinen und warum wir sie so empfinden. Es fehlt aber das magische Element, dass irgendwo eine Instanz sitzt, die ‘frei’, was immer das meint, den Determinismus durchbricht, nach dem Leben weiterbestehen oder von Jesus gerettet werden kann.

    Gemeint ist eine representative Untersuchung lebender Altruisten (auf eine Definiton “altruistisches Untersuchungsobjekt” werden wir uns schon einigen können)

    Altruismus ist als menschliche Einstellung nicht mehr und nicht weniger rätselhaft als alle andere menschliche Einstellung. Du operierst immer noch mit der Vorstellung, dass Naturalismus den Menschen als seelenlosen Roboter mit gröbstmöglicher Innenverarmung voraussetzen muss. Wenn er das müsste, wäre er wohl kaum ein Modell, den Menschen zu beschreiben. Warum das nicht die naturalistische Vorstellung ist und warum der Naturalismus natürlich den Mensch als hochkomplexes Kulturwesen auffasst, habe ich oben schon darzustellen versucht.

    Für mich ist es Freizeit. Respekt bitte! ;-)

    Aber auch Pfingsten ist kein Anlass, hier in Zungen zu reden ;-)

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