Wider die undeutsche Geistlosigkeit: zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennungen
Am 10. Mai 1933 brannten in deutschen Städten die Scheiterhaufen, auf denen da erst mal nur Bücher lagen. Ausgegangen war die Aktion von nationalsozialistisch dominierten Studentenverbänden und bildete Höhepunkt und Abschluss der einen Monat vorher begonnenen Aktion wider den undeutschen Geist. In einer fast schon vorbildlichen Marketing-Aktion wurde damit die Zensur erst als deutsch und dann noch als geistvoll definiert. In Berlin fand das alles auf dem heutigen Bebelplatz statt, wo heute auch das Mahnmal in die Erde eingelassen ist, aber insgesamt gab es im Rahmen der Aktion etwa 70 Bücherverbrennungen in fast allen größeren deutschen Städten.
Nun mag jeder für sich selbst entscheiden, ob er das zum Anlass nimmt, sich heute bei Gelegenheit mit einem undeutschen Buch in die Sonne zu setzen. Ich will das auch nicht zum Anlass nehmen, noch mal darzustellen, wieso bald Menschen brennen, wo doch erst Bücher und so weiter… Wer das nicht versteht oder verstehen will, soll sich anderswo weiterbilden oder ein anderes Blog lesen. Als Wissenschafts-Kultur-Blogger will ich in dem Zusammenhang lieber darauf hinweisen, dass Wissenschaft nichts von der Kultur Losgekoppeltes ist. Im Zentrum der Bücherverbrennungen standen natürlich Schriftsteller, aber die Aktion war nur Ausdruck eines Generalangriffs auf geistige Unabhängigkeit, und in Folge kamen immer mehr Wissenschaftler und die Forschungsfreiheit an sich in den Fokus der Säuberungen.
Schon an den Scheiterhaufen des Jahres 1933 wurde Sigmund Freud diffamiert, und während man der Psychoanalyse heute beliebig die fehlende, weil unerreichbare Verankerung im Empirischen oder den literarischen Ansatz vorwerfen mag, wäre es absurd, nicht die auch wissenschaftliche Bedeutsamkeit der Werke anzuerkennen. Dass die Gleichschaltung der Gesellschaft natürlich zuvorderst auch in die Gesellschaftswissenschaften getragen wurde, die Geschichtsschreibung, die Soziologie, Literatur- und Kunstwissenschaften, versteht sich schon von selbst. Kritische Historiker und Soziologen wurden ebenso aus den Ämtern entlassen wie ihre Schriften verboten, die Institute wurden wie die Bibliotheken gesäubert.
Aber auch Naturwissenschaften wurden nicht verschont. In den Richtlinien für Büchereien findet sich 1935 zwischen zu zensierender Geschichtswissenschaft und Kunsttheorie bereits in der Aufzählung nicht mehr zu verbreitenden Gedankenguts:
Schriften weltanschaulichen und lebenskundlichen Charakters, deren Inhalt die falsche naturwissenschaftliche Aufklärung eines primitiven Darwinismus und Monismus ist (Häckel).
Wie vorher unbedeutende Schriftsteller angesichts verbotener Konkurrenz und staatlicher Förderung ihre Chance witterten und sich im Gegenzug von Tucholsky die Bezeichnung “kleine Provinznutten der Literatur” einfingen, so entstand eine ähnliche Bewegung auch in den naturwissenschaftlichen Instituten, insbesondere in den physikalischen, wo eine Lücke durch die Entlassung der jüdischen und “jüdisch-stämmigen” Wissenschaftler entstanden war. Angetrieben von den Nobelpreisträgern Philipp Lenard und Johannes Stark entstand die Deutsche Physik, eine an sich unbedeutende, revisionistische Bewegung mit fast schon Newtonschem Weltbild, die sich auch, um noch mehr ihm Rahmen der Partei aufgehen zu können, auch als Arische Physik bezeichnete.
Die Deutsche Physik scheiterte, natürlich, weil Naturwissenschaft aus einer Weltanschauung zu betreiben nicht funktionieren kann, und selbst in der gesäubertern, unter staatlicher Aufsicht ablaufenden Physik der NS-Zeit konnte sie kaum wissenschaftlichen Einfluss gewinnen, wenn auch Vertretern genügend Gelegenheit geboten wurde, Stellen zu besetzen und Studenten mit ihrem Geschwätz zu verdummen. Es ist dabei unerheblich, ob vormals bedeutende Wissenschaftler wie Lenard einfach nur aus Opportunismus und Gewinnstreben gehandelt haben oder aus Überzeugung, tatsächlich wissenschaftliche Erkenntnis zu vertreten. Es ändert an der Schäbigkeit nichts, wissenschaftlich vertretbare Gegenpositionen durch Berufung auf Weltanschauung, persönliche Lieblingsvorstellungen oder Politik am liebsten aus den Instituten verbannt zu wissen.
Wissenschaft funktioniert nur in einer liberalen Gesellschaft. Es ist kein Angriff auf die Weltanschauung anderer, wenn Wissenschaft darauf besteht, dass Politik, Nationalität, Religion und Persönliches an sich aus dem wissenschaftlichen Diskurs rauszuhalten sind, sondern es ist die eine unumgehbare Notwendigkeit, um überhaupt einen wissenschaftlichen Diskurs führen zu können.
In einer Gesellschaft, die Bücher verbrennt und Gedanken zensiert, wird Wissenschaft bestenfalls gegen diese Widerstände erfolgreich sein können. Andernfalls wird sie einfach scheitern.
Quellen und Weiterführendes.
Abgelegt unter : Bücher, Deutschland, Geschichte, Institutsleben, Kultur, Kulturkampf, Literatur, Mahnmale, Rationalismus, Wissenschaft, Über Wissenschaft | Getaggt: Philipp Lenard, Johannes Stark, Deutsche Physik, 3. Reich, Bücherverbrennung, Aktion wider den undeutschen Geist

[...] Mann mit enormem Brustkorb. Ein in diesem Falle (rein optisch gemeint) erfreulicher Irrtum. Wider die undeutsche Geistlosigkeit: zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennungen Am 10. Mai 1933 brannten in deutschen Städten die Scheiterhaufen, auf denen da erst mal nur [...]
Echt, Stark auch? Der Nobelpreis ist doch eh einer der rätselhafteren, einfach mal den magnetischen Effekt elektrisch gemacht…
In heidelberg hatte ich schon den Eindruck, dass sich da mit Lenard auseinandergesetzt worden war, der hatte ja sein eigenes Institut da…
Das war experimentell vermutlich nicht so einfach. Aber das Komitee vergibt auch immer mal wieder gerne Preise für Bodenständiges, vielleicht gerade in Zeiten, in den größere Entdeckungen noch zu sehr in der Diskussion stehen.
Über Stark und welche Ehrungen er verdient haben mag, werden derweil noch Debatten geführt.
Abstimmen - Zukunft Süd-Tirol
http://mazingazeta.wordpress.com/umfrage-zukunft-sudtirols/
Süd-Tirol ist nicht Italien!
Klar ist Süd-Tirol Italien. Steht doch in meinem Atlas.
Normalerweise würde ich solchen nicht zum Artikel passenden Spam ja löschen (als ob’s keine anderen Probleme gibt auf der Welt) — aber in dem Fall lasse ich meinen Lesern mal die Freiheit, an der Umfrage teilzunehmen, um sicherzustellen, dass Südtirol auch weiter italienische Provinz bleibt.
Vergelt’s Gott.
Es gibt auch heute noch “Experten”, die sich bei ihrem Kampf gegen die Relativitätstheorie auf Lenard und Stark berufen. In den letzten Jahren gab es in vielen Physik- oder Wissenschaftsforen Invasionen von Jocely Lopez und Ekkehard Friebe, die für ein quantitativ durchaus ambitioniertes Crank-Werk von G.O. Müller Werbung machten
http://www.ekkehard-friebe.de/partner.html
Zitat: “G. O. Mueller ist das Pseudonym für eine Organisation, die sich zur Aufgabe gesetzt hat, die unter dem Namen „Relativitätstheorie“ bekannte Ideologie zu Fall zu bringen.”
Die entsprechenden Diskussionen waren in der Regel end- und sinnlos, weil auch dem geduldigsten Physiker irgendwann mal aufgeht, dass die Herrschaften nicht wirklich Fragen stellen wollen oder nach Erklärungen suchen, sondern missionieren:
http://18040.rapidforum.com/
Es existiert auch ein “Gegenforum”:
http://ac.relativ-kritisch.de/forum/
Ihr Blog-Eintrag vom 10. Mai 2008
Wider die undeutsche Geistlosigkeit: zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennungen
Sehr geehrter [kamenin],
Nachstehend eine kurze Richtigstellung der gezielt tendenziösen und verleumderischen Unterstellung am 12. Mai 2008 in Ihrem Blog des anonymen Schreibers „MountainKing“, der mich, Herrn Ekkehard Friebe und die Forschungsgruppe G.O. Mueller aus Mangel an sachlichen Argumente in die braune Ecke schiebt, eine leider bekannte, verbreitete und perfide Strategie von manchen radikalen Anhängern der Relativitätstheorie im Internet:
Weder G.O. Mueller noch Ekkehard Friebe noch ich als offiziellen Interessenvertreter dieser Forschungsgruppe „berufen uns auf Lenard und Stark“, sondern auf mehr als 1300 Autoren weltweit, die sich kritisch zur Relativitätstheorie seit ca. 100 Jahren geäußert haben, ganz unabhängig von ihren Nationalitäten, von ihren Herkünften, von ihren privaten Weltanschauungen, von ihren Religionen oder von ihren politischen Ansichten, wie es in der Wissenschaft absolut erforderlich ist, und so wie Sie als Autor dieser Internetseite es auch in ihrem Artikel hervorgehoben haben:
„Wissenschaft funktioniert nur in einer liberalen Gesellschaft. Es ist kein Angriff auf die Weltanschauung anderer, wenn Wissenschaft darauf besteht, dass Politik, Nationalität, Religion und Persönliches an sich aus dem wissenschaftlichen Diskurs rauszuhalten sind, sondern es ist die eine unumgehbare Notwendigkeit, um überhaupt einen wissenschaftlichen Diskurs führen zu können.“
Es gibt kein einzige Zeile in der Dokumentation von G.O. Mueller, die antisemitisches, rassistisches oder rechtsextremistisches Gedankengut wiedergibt oder verbreitet oder vertritt, genauso wenig wie im verlinkten Forum von Ekkehard Friebe, genauso wenig wie in meiner Internetpräsenz oder in der Internetpräsenz von Ekkehard Friebe. Ich habe mich auch angesichts dieser ungeheuerlichen und perversen Strategie mehrmals ausdrücklich und unmissverständlich von jeglichem antisemitischen, rassistischem oder rechtsextremistischem Gedankengut - das ich zutiefst verabscheue - in mehreren Foren öffentlich distanziert, was ich auch hier ausdrücklich wiederhole.
Im Punkto „Bücherverbrennung“ verweise ich wiederum auf zwei Einträge in meinem Blog über die moderne Bücherverbrennungsabsichten von manchen Anhängern der Relativitätstheorie, die die Dokumentation von G.O. Mueller, die schon von 53 Universitätsbibliotheken im In- und Ausland katalogisiert wurde, am liebsten von allen Bibliotheken aus dem Verleih rausnehmen und vernichten würden:
G.O. Mueller: Präsenz im Internet und in Bibliotheken
http://www.jocelyne-lopez.de/blog/?p=188
Bücherverbrennung wegen Ketzerei für die Kritik der Relativitätstheorie?
http://www.jocelyne-lopez.de/blog/?p=151
Ich bitte Sie, diese infamen Unterstellungen des anonymen Schreibers „MountainKing“ in Ihrem Blog durch Veröffentlichung meiner Antwort unverzüglich zu berichtigen.
Vielen Dank dafür im voraus.
Mit freundlichen Grüßen
Jocelyne Lopez
http://www.jocelyne-lopez.de/blog
Och ja, aber sicher. Auch wenn ich’s gar nicht so verstanden habe bzw. aus dem oben Geschriebenen überhaupt nicht sehen kann, wie Sie dadurch in eine braune Ecke gestellt werden. Aber es kann ja jeder auf die verlinkten Webseiten gehen und sich selber ein Bild machen, wer sich wo auch auf Lenard und Stark beruft oder eben nicht.
Weiteren Kommentar erspar ich mir. Und nur, um Klarheit zu schaffen: eine Diskussion, wer jetzt wenn effektiver Nazi, Bücherverbrenner oder Wissenschaftsmafioso genannt hat, werde ich hier strikt unterbinden. Ebenso alle Fabulierkünste über die Relativitätstheorie.
Gilt für alle.
Oje…nur soviel: meine “Anonymität” ist nach genau zwei Klicks Geschichte. Habe ich aber auch schon mal erklärt, mit dem üblichen Ergebnis.