Frank J. Tipler vergeht sich an Physik und Christentum, mal wieder
Wie als Illustration, warum man Wissenschaft und Religion strengstens trennen sollte, kommt mal wieder ein neues Buch von Frank J. Tipler daher: Die Physik des Christentums. Ein naturwissenschaftliches Experiment.
Nun habe ich von Tipler, der um Himmels Willen nicht mit diesem Tipler verwechselt werden sollte, vor ewigen Zeiten zu Beginn meines Studiums schon Die Physik der Unsterblichkeit: Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten gelesen. Wie gesagt, erste Semester und kaum mehr Ahnung von Physik, als das, was es ich im Physik-Grundkurs gelernt hatte. Trotzdem war selbst für den Studienbeginner nach wenigen Seiten keine Frage, dass das Buch keinerlei Wert hat: ganz sicher nicht wissenschaftlich, aber auch nicht theologisch, philosophisch oder sonst irgendwie. Den Rest der 400 Seiten habe ich nur gelesen in der Hoffnung, dass Tipler vielleicht irgendwann wieder zu Sinnen kommt oder wenigstens eingesteht, dass das alles mit Physik oder wissenschaftlichem Argumentieren nichts zu tun hat.
Die Argumentation, und das neue Buch scheint die noch auszubauen, ging damals schon ungefähr so. Mensch erzeugt intelligente Maschinen. Intelligente Maschinen verbreiten sich im gesamten Universum. Universum zieht sich wieder zusammen. Intelligente Maschinen bauen Universum gegen Ende des Kollapses um. Am Rande der entstehenden Singularität entsteht ein Bereich subjektiver Ewigkeit. In dem werden eine unendliche Anzahl von Universums-Simulationen gestartet.
Das war’s. Ehrlich. Die “Auferstehung der Toten” und das “Ewige Leben” bestehen darin, dass wir als Teil unendlicher Simulationen auch immer irgendwie und irgendwo mitsimuliert werden und darum in alle Ewigkeit in allen denkbaren Situationen weiterleben. Wie Tipler die Kurve kriegt, diese Phantastereien dann wieder mit der christlichen Vorstellung und Dogmatik überein zu bringen, ist fast schon faszinierend; wenn auch vermutlich mehr vom pyschologischen als vom naturwissenschaftlichen oder theologischen Standpunkt aus.
Das eigentlich Traurige ist aber, dass Tipler die ganze Zeit von Beweisführung schreibt und davon, dass es eigentlich unabwendbar so kommen muss — wenn, ja wenn man nur ein paar Annahmen über die Natur des Universums voraussetzt. Zum Beispiel als erstes: dass das Universum von solcher Art ist, dass das alles auch wirklich möglich ist.
Das ganze ist ein auf 400 Seiten ausgewälzter Zirkelschluss, ein fröhliches Behaupten und Selbstvergewissern. Dazu gibt’s ein bisschen Quantenverdummung (Wellenfunktion als Heiliger Geist), Laientheologie (Wiederkehr und Unsterblichkeit in den Religionen) und so weiter und was nicht alles. Ein reines Machwerk im wissenschaftlichen Gewand. Eine Beleidigung nicht nur an wissenschaftliches Argumentieren, sondern sogar an die Theologie, die hier nicht etwa unterstützt, sondern vielmehr negiert wird.
Vielleicht ist das einzige, das noch trauriger ist als das Buch selbst, die Tatsache, dass man für so einen Schund tatsächlich Herausgeber findet, die das alles drucken und als Sachbuch bewerben. Markttechnisch ist es allerdings bestimmt nicht das Dümmste, eine Nachfrage, religiösen Blödsinn endlich mal wissenschaftlich untermauert dargestellt zu sehen, gibt es offensichtlich, auch wenn im Endeffekt sowohl dem Blödsinn wie der Physik Gewalt angetan werden muss.
Und dazu passt dann auch, wie Markus Pössel von Relativ Einfach gefunden hat, dass man den Schund in SpektrumDirekt auch noch positiv besprechen lässt. Pössel fragt nach Qualitätskontrolle, ich frage mal allgemeiner: ohne dem Autor der Rezension zu nahe treten zu wollen, aber warum, in Gottes Namen, lässt man einen Diplomgeografen und Fotografen ein pseudowissenschaftliches Physikbuch besprechen? Und ihn gar noch eine “Expertenbewertung” abgeben? Wieso fühlt der sich überhaupt dazu berufen? Nur jemand, der mit der Physik nicht vertraut ist, kann zu solchen Aussagen kommen wie:
Tipler dagegen steht klar auf der rationalen Seite des Erkenntnisgewinns.
Ich erspare mir die vermutlich nicht ohne Verärgerung ablaufende Detailbesprechung der Rezension, an der so ziemlich gar nichts stimmt, weder die dargestellte Physik, noch die Bewertung. Wenn einem zu einer Darstellung, wie sich Jesu vorgebliche Auferstehung ernsthaft und “naturwissenschaftlich” als “Baryonenvernichtung” [1] inklusive Neutrino-Schnickschnack erklären ließe, nur einfällt…
In diesem Abschnitt wird besonders deutlich, dass es in der Physik vor allem die Quantenmechanik ist, deren bahnbrechenden und kontinuierlich neuen Erkenntnisse revolutionäre Erklärungsansätze und Denkweisen erlaubt.
… dann liest sich das ähnlich kenntnislos wie die Auslassungen esoterischer Räuchermütterchen über The Secret. Ehrlicherweise sollte man einfach zugeben, keine Ahnung zu haben von der Physik, die da missbraucht wird, und nicht so tun, als könne man das Buch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus beurteilen. Man tut sich selbst keinen Gefallen damit, wenn man seine Begrenzungen dann öffentlich und so offensichtlich unter Beweis stellt.
Warum ausgerechnet SpektrumDirekt so etwas veröffentlicht und damit ihre Leser dazu bringt, Geld für sich nur ganz oberflächlich christlich gebende Esoterik rauszuwerfen, muss der Spektrum-Verlag und die zuständige Redakion selbst wissen. Vielleicht sollte man in punkto Wissenschaftsjournalismus mal wieder die Betonung auf Wissenschaft und weniger auf Journalismus legen.
[1] Gemeint ist wohl eher Zerfall, das klingt aber auch nicht so aktiv wundertätig.
Abgelegt unter : Buchkritik, Bücher, Journalismuskritik, Mythologie, Pseudowissenschaften, Quantenphysik, Rationalismus, Sachbuch, Theologie, Wie man's nicht macht, Wissenschaft | Getaggt: Frank J. Tipler, Spektrum-Direkt

Oh Gott, Tipler hat’s wieder getan.
Über “Physik der Unsterblichkeit” habe ich mal in der Schule einen Vortrag halten müssen. Ich habe selten so einen unglaublichen Bullshit gelesen.
Dito. Es ist mir fast peinlich, dass freiwillig gelesen und sogar gekauft zu haben (auf “Empfehlung”…). Aber eine gute Vorbereitung darauf, nicht alles unter dem Label “Physik” oder “Wissenschaft” Publizierte für an sich wertvoll zu halten.
Für das Thema Quantenmystik bin ich ja zugegebenermaßen anfällig, aber DIESEN Mist zuende zu lesen, habe ich nicht geschafft. Verschenken kann man so was auch nicht. Jetzt liegt’s in der blauen Tonne.