Fremdschämen für die Wissenschafts-Pressekonferenz

Die Wissenschafts-Pressekonferenz bezeichnet sich selbst als Berufsverband der Wissenschaftsjournalisten, und bitte: wenn man ein ganzes Berufsbild öffentlich demontieren wollte, hätte man theoretisch mit so einer Plattform natürlich alle Möglichkeiten dazu. Nur mal so als Gedanke.

Damit thematisch nicht verwandt: Wie Ulrich Berger gerade gefunden hat, gibt’s bei der WKP eine neue “Rezension” des Froböse-Klassikers Die Geheime Physik des Zufalls. Autor des “Textes”, der “u.a. auf Exklusivauszügen aus dem gerade erschienen Buch” basiert, ist Vlad Georgescu, Mitverfasser von Büchern wie “Die Medizinmafia” und “Die Joghurt-Lüge”, der sich hier mal mit Quantenphysik beschäftigt oder zumindest den Anschein erweckt. Und auf Herrn Georgescus eigener Seite findet sich auch “exklusiv” das nach eigenem Bekunden von ihm mit Froböse geführte Interview, das fast identisch bei wissenschafts-news (”Journalist Ernst Probst (…) sprach exklusiv mit…”), Readers Edition (”von Redaktion ReadersEdition”), ExtremNews (”von Thorsten Schmitt”, “Nun stand er der Redaktion von ExtremNews für ein Interview bereit”) und OnlineZeitung24 (”von oz24 für OnlineZeitung24″) erschienen ist. [1] Das ist das Interview, in dem Froböse ausführen durfte, in je leicht abgeänderten Formulierungen:

So wird beispielsweise nicht mehr ausgeschlossen, dass das Herabfallen eines Bildes von der Wand und der zeitgleiche Tod eines nahen Verwandten auf einem physikalischen Effekt basiert, der aus dem Verschränkungsprinzip der Quantenmechanik abgeleitet werden kann.

Das fanden die verschiedensten Interview-Partner von Froböse allesamt eher gruselig. Ich find’s ja eher nicht gruselig, sondern anders.

Es ist der letzte Absatz dieser neuen “Rezension”, die in keinem Wort andeutet, sich auf das vollständige Buch zu beziehen, der im Grunde alles sagt: über das Buch und die Rezension.

Dass sich Religion und Wissenschaft dadurch gegenseitig nicht ausschließen, sondern leichter im Einklang bringen lassen, begreift der Leser schnell - und versteht, warum gerade Physiker meistens tief gläubige Menschen sind. Denn die Frage nach dem Ursprung dieser quantenmechanischen Phänomene kann niemand beantworten - auch Autor Froböse nicht. Gerade das macht aber das Werk letzten Endes aus: Es bleibt sachlich, und entzaubert den Glauben an das Übernatürliche, indem es physikalische Belege liefert, dass das Übernatürlich existieren muss.

Gerade Physiker tief gläubige Menschen… Willkommen in der Parallel-Phantasiewelt. In der es auch geht, Phänomene zu erfinden (Tod beeinflusst Bild), die quantenmechanisch zu nennen und aus dem nicht erklärbaren Ursprung dieser behaupteten Phänomene auf das Übernatürliche und Religiöse zu schließen. Physikalische Belege, “dass das Übernatürlich existieren muss” — nur, weil man verschiedene wissenschaftlich klingende Begriffe zu einem grammatikalisch korrekten Satz einbauen kann… Man kann so etwas gar nicht mehr sinnvoll kritisieren, weil es in die inhaltliche Leere zurückfällt, sobald man verstehen will, was da steht: ein physikalischer Beleg für die Existenz des Übernatürlichen…

Das alles, wie gesagt, auf der Seite der Wissenschafts-Pressekonferenz, Berufsverband für Wissenschaftsjournalisten.

[1] Verlinken werd ich das alles nicht mehr, die Zitate sind ja ordnungsgemäß gekennzeichnet. Insbesondere Ernst Probst ist da faszinierend, hat das auf mehreren seiner für mich nicht mehr überschaubaren Zahl von Blogger-Blogs veröffentlicht, zwischen denen er fröhlich seine Texte hin und her schiebt, und dazu noch auf pressemitteilung.ws und wer weiß, wo sonst noch.

Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Quantenverschränkung -> hier.

Nachtrag: Inzwischen hat die WPK, vermutlich auf Nachfrage von Beatrice Lugger, den entsprechenden Artikel vom öffentlich erreichbaren Teil ihres Netzes genommen. Stimmt alles nicht, der Artikel wurde nur verschoben.

15 Responses to “Fremdschämen für die Wissenschafts-Pressekonferenz”

  1. Mitverfasser von Büchern wie (…) “Die Joghurt-Lüge”, der sich hier mal mit Quantenphysik beschäftigt

    Hat alles mit Quark(s) zu tun. :-)

  2. Es bleibt sachlich, und entzaubert den Glauben an das Übernatürliche, indem es physikalische Belege liefert, dass das Übernatürlich existieren muss.

    Do. No. Parse.

    ———————-

    Aber ich finde es doch schön, dass ich solche WTF!?! Momente auch im deutschsprachigen Raum erleben darf und nicht mehr nur auf die Spinner aus dem amerikanischen Raum angewiesen bin für meine wöchentliche Dosis Realsatire.

  3. Na, also ich bin auf jeden Fall ein tiefgläubiger Mensch, ich glaube zutiefst daran dass es keinen Gott gibt :)
    Aber können wir bitte diesen menschen von Freeman Dyson fern halten, der ist zwar an und für sich cool und immerhin der Erfinder der Dyson-Sphäre, aber leider auch gläubig, also so religiös gläubig.

  4. @ Jörg

    Bezog sich das vielleicht auf den letzten Artikel? Passt irgendwie besser — nicht, dass es hier nicht auch passen würde ;)

    @ student_b

    Ich könnte drauf verzichten. Froböse und Georgescu sind zwar keine Spinner, aber Unfug ist es trotzdem. Gerade wenn man ihn so nonchalant und selbstgewiss verbreitet.

    @ ali

    Nicht überall wo Quark draufsteht, muss auch Quark drin sein :-)

  5. *fremdschäm*

  6. Ne war schon richtig hier, ich hab mich auf “Physiker sind tiefgläubige Menschen” eingeschossen.

  7. Okay, jetzt hab ich’s verstanden — Dysons Science Fiction (im besseren Sinne des Wortes) klang mehr nach Tipler als Froböse, bei den ganzen Schwammigkeiten kann man durcheinanderkommen ;)

  8. Ich bin auch tiefgläubig. Ich habe einen tiefen glauben daran, dass es eine von mir unabhängige Realität gibt. Ich glaube tief daran, dass in dieser nur Dinge existieren können deren Beschreibung logisch wiederspruchsfrei vorgenommen werden kann.
    Und “Gott”? Was genau soll das eigentlich sein?

  9. Nun, ein Andersglaubender würde Dir jetzt vermutlich antworten, dass Gott das Ding in der Realität ist, was sich auch idealisiert nicht logisch widerspruchsfrei beschreiben ließe. Die hohe dialektische Theologie des “immer ein Stück weiter draußen und notfalls negieren”.

    Uns Normalsterblichen aus früheren Zeiten auch bekannt als: “Mein He-Man kann das aber” ;-)

  10. Und was sagt die WPK? Wissen die überhaupt, was hier diskutiert wird? Bei Ulrich Berger sehe ich bisher keine REaktionen.

  11. Ich seh das eher pragmatisch. Der WPK hat’s bei sich eingestellt oder einstellen lassen; genug Kompetenz, das zu beurteilen, setze ich bei Wissenschaftsjournalisten eigentlich voraus; nicht zwingend bei jedem, aber in der Gruppe sollten die schon selbst das Qualitätsmanagement hinkriegen — oder eben nicht. Und wenn der WPK die doch recht überschaubare Seite wenigstens halbwegs so ernsthaft betreibt, wie normale Blogger ihre, dann werden die inzwischen auch wissen, woher Besucher kommen und aus welchen Gründen.

    Beim WPK damit selbst vorstellig zu werden, halte ich für wenig sinnvoll. Erstens habe ich so meine Erfahrung mit Journalisten und Anfragen von Bloggern. Zweitens würde das mir nur von entsprechender Seite so ausgelegt, als würde ich damit eine Kampagne fahren, entsprechende Texte aus dem Netz säubern und den entsprechenden Verursachern geschäftlich schaden zu wollen. Auf so einen Privatkrieg habe ich aber überhaupt keine Lust.

    Ich halt’s daher einfach: jeder kann entsprechende Texte publizieren oder auf seine Seite stellen. Das ist ja auch ein Einblick, wie diejenigen das mit der Sache halten. Darauf erlaube ich mir dann hinzuweisen.

  12. nunja, da ich selbst seit langen Jahren WPK-Mitglied bin, habe ich nunmal nachgefragt und bin gespannt.

  13. So soll es ja auch sein — der Artikel ist durchaus auch als Anregung für mitlesende WPK-Mitglieder gemeint :-)

  14. [...] Fremdschämen für die Wissenschafts-Pressekonferenz [...]

  15. [...] Wissenschafts-Pressekonferenz einige hämische Kommentare ein. Außer von mir selbst stammen diese von Sven Keßen (mehrfach) und aus der Wissenswerkstatt. Auch Wissenschaftsjournalistin und WPK-Mitglied Beatrice [...]

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