Atom-Unfall in Slowenien bedingt europaweiten Alarmismus

Mal locker bleiben. Mehr fiel (und fällt) mir gerade auch nicht ein zu den überall aufschlagenden Eilmeldungen zum AKW-Unfall in Slowenien. Das ist ja das Schöne an unserer neuen Medienwelt, dass wir jetzt alle möglichen Informationshäppchen vorgesetzt bekommen, und keiner weiß was genaues. Und vermutlich dauert es auch einige Zeit, bis jemand was genaueres weiß. Aber bis das soweit ist, können wir hier ja ein wenig spekulieren. [1]

Angeblich ist also Kühlwasser ausgelaufen, schreibt SpOn (Meldung ändert sich aber ständig), bzw. Kühlflüssigkeit aus dem Hauptkühlsystem. Die englischsprachige Wikipedia hat dazu ein schön animiertes Schaubild, wie so ein Druckwasserreaktor funktioniert. Dummerweise gibt es bei Reaktoren dieser Bauart drei verschiedene Kühlsysteme, den Primär-, den Sekundär- und den Kühlwasserkreisklauf, und in allen gibt es Kühlwasser.

Im Primärkreislauf wird es durch den Reaktorkern geleitet, wo die eigentliche Nuklearreaktion stattfindet; das unter starkem Druck stehende Wasser erhitzt sich auf über 300°C (der Siedepunkt von Wasser ist druckabhängig -> Phasendiagramm) und ist nebenbei auch ziemlich radioaktiv. Das Wasser im Sekundärkreislauf wird durch den Primärkreislauf erhitzt und der so entstehende Dampf treibt die Turbinen an, mit denen das Kraftwerk überhaupt Strom erzeugt. [2] Gekühlt wird der Sekundärkreislauf durch der Umgebung entnommenes Wasser, weshalb Kernkraftwerke an Flüssen stehen: dieses Kühlwasser nimmt die Wärme des Sekundärkreislaufes auf und wird wieder zurück in den Fluss gepumpt, nachdem man es selbst genügend hat abkühlen lassen. Durch die Trennung der drei Kreisläufe besitzt so das mit der Umwelt in Kontakt kommende Kühlwasser des dritten Kreislaufs nur sehr gering erhöhte Radioaktivität.

Aus welchem Kreislauf ist jetzt Kühlwasser ausgetreten, wenn SpOn vom Hauptkühlsystem schreibt? SeattlePi spricht unter Berufung auf die EU-Komission vom Primary Cooling System. Das Primary Coolant ist aber eben das Kühlwasser im Primärkreislauf, also scheint es ein Leck irgendwo in der Nähe des eigentlichen Reaktorkerns gegeben zu haben, sofern man bei unter Hochdruck stehendem Wasser von einem Leck noch reden kann. Es scheint aber weder eine Explosion, noch eine irgendwie außer Kontrolle geratene Kettenreaktion gegeben zu haben; da das Primary Coolant auch als Moderator für die Kernreaktion dient, wäre selbst bei einem drastischen Kühlmittelverlust eher damit zu rechnen, dass einfach die Kettenreaktion abbricht und der Reaktor sich so selbst runterfährt. Das scheint nicht geschehen zu sein, also scheint der Wasserverlust vermutlich eher gering sein, auch wenn aus bisherigen Meldungen nicht ganz klar wird, was es heißt, dass der Reaktor noch mit 22% fahre und jetzt von Hand runtergefahren werde.

Wie drastisch das alles ist, ist bis jetzt natürlich schwer zu sagen, zumal auch Reaktorenbetreiber nicht immer dazu neigen, die Wahrheit zu sagen. Es kann gut sein, dass das radioaktive Kühlmittel nur in sehr geringen Mengen innerhalb des Reaktors selbst ausgetreten ist, dass es also zu gar keiner Kontamination der Umwelt gekommen ist — das ist bisher auch das Bild, das sich aus den Medienberichten ergibt. In dem Fall besteht kein großer Grund zur Aufregung; und auch im Atomkraftwerk selbst sind dann voraussichtlich keine Menschen direkt betroffen, weil die eben nicht neben dem Reaktorkern sitzen müssen, um die Reaktion zu überwachen. Wie sehr sich innerhalb des Kraftwerks Radioaktivität welcher Höhe ausgebreitet hat, ist aber für mich so nicht zu beurteilen. Vorsichtig sollten auf jedenfall die sein, denen man in den nächsten Tagen einen Wischmopp in die Hand drückt, um mal ordentlich den Hochsicherheitsbereich durchzuwischen. Aber wir sind ja hoffentlich EU genug, damit die Sache nicht auf die Art abläuft.

Dass die EU europaweiten Alarm ausgerufen hat, sollte man auch nicht so eng sehen. Ob das sachgerecht oder nur einem Mangel an Überblick geschuldet ist, wird sich herausstellen. Es gab auch schon einen von der EU-Kommission verkündeten europaweiten Alarm über verseuchtes China-Spielzeug. Das hat wenig mit einem Alarm zu tun, bei dem jeden Moment die Sirenen zu heulen beginnen könnten, wenn es sie noch gäbe.

Ruhe ist also weiter erste Bürgerpflicht, und statt Alarm wär Entspannung wohl wichtiger. Bis zum Eintreffen wirklich schlechter Nachrichten darf darüber gerätselt werden, ob das alles nicht ein fingiertes österreichisches Spektakel ist, um die sich ankündigende Blamage bei der EM noch abzuwenden; eine PR-Aktion Sloweniens innerhalb der neuen Kampagne (”Slowenien! Nein, Bratislava ist woanders.”); oder einfach nur ein Vorwand für Blogs und Onlinemedien, in der nächsten Zeit eine Alarm-Überschrift nach der anderen rauszuhauen.

Was hier natürlich nie geschehen würde.

[1] Full Disclosure: Physik habe ich eigentlich nur mal studiert, weil ich auf Demos ein Plakat hochhalten wollte: Physiker gegen Atomkraft. Ist es dann doch nie zu gekommen. Dafür hatte ich mal in meiner kurzen Studentenwohnheim-Zeit einen Bauplan mit Aufrissskizze eines AKW an der Wand hängen: kostensloses Lobby-Material, was Physiknerds so ausgehändigt bekommen. Ich bin mir bewusst, dass die Definition einer Aufrissskizze in Studentenkreisen ansonsten eher mit H&M in Zusammenhang gebracht wird.

[2] Auch ein Kernkraftwerk funktioniert nicht grundsätzlich anders als eine Dampfmaschine. Energie ist Hitze erwärmt Wasser erzeugt “Energie”.

10 Antworten

  1. [...] locker bleiben meint man hier: Atom-Unfall in Slowenien bedingt europaweiten Alarmismus und dazu: Wie sehr sich innerhalb des Kraftwerks Radioaktivität welcher Höhe [...]

  2. Großkotzig bis in die Stinkesocke: Als Ex-Weltmeister nur Dritter im eigenen Land, dann die Spießerarie “Ein Sommermärchen” nachschieben, und als ob das nicht genug wäre bei nächster Gelegenheit Österreich belächeln…

    …da kann ein überzeugter Ösi nur entgegenlächeln, denn unsere Wirtschaft (die uns wesentlich mehr interessiert als “König Fussball”) hat sich in den letzten 20 Jahren deutlich besser entwickelt als eure Pifke-Ökonomie…

    …eure große deutsche Masse wurde vor 2 Generationen geteilt und an der landesgrenzenmäßig überwundenen Situation knabbert ihr bis heute – und noch viele Jahrzehnte mehr

    …während unsere konservativen (!) Politiker nicht nur bestens mit verkleinerten Grenzen zurechtgekommen sind, sondern auch Restitutionsagenden und Integrationsfragen gut gelöst haben…

    …durch euer Sommermärchen habt ihr einen Imagegewinn erzielt, und bleibt doch ewiglich die teutonischen Kulturprimaten, immer noch kennt die Welt bestenfalls Bayreuth (wann räumt ihr mit dieser verstaubten Nazigruft endlich auf), künstlerisch muss man schon nach Bregenz und Salzburg und Wien reisen…

    …und der Gipfel ist es, den Atomalarm dem kleinen Nachbarn in die Schuhe zu schieben: Wir Österreicher leben nur wenige Kilometer entfernt von sicherheitstechnisch zweit- und drittklassig gebauten AKWs der Tschechischen Republik, der Slowakei und Sloweniens…

    …und haben uns mit tauglichen und untauglichen Mitteln dagegen zu wehren versucht, während die deutsche Atomlobby plus Politk mit einer Perfektion, die man zuletzt vor 70 Jahren erlebt hat, die pifkinesischen Meinungsmacher eingenebelt hat…

    …es sind vorwiegend Ösi-Männer und -Frauen und -Kinder, die bei einem schwerwiegenden Unfall unmittelbar gefährdet sind, aber das interessiert Deutsche einfach nicht, da werden sich doch andere Kulturdestinationen finden lassen, wenn Ösiland verseucht ist – was aber wenn der Wind dreht, und das großartige Pifkeland schwerwiegend betroffen ist?

  3. Willkommen, Österreicher!
    Und einen dreifachen Radetzkymarsch auf die Deutsch-Österreichische Freundschaft!

  4. Ungeachtet des seltsamen Vorkommentators:

    Nein, es wurde kein Alarm ausgelöst, das europäische Informationssystem hat lediglich funktioniert und die Medien haben einen Alarm draus gebastelt.
    Angesichts der enormen Bildung in Sachen Kernkraft (frag mal jemanden nach dem Unterschied zwischen Alpha- und Gammastrahlung, da gibt es haarsträubende Meinungen zu…) wenig verwunderlich.

  5. Wird noch spannend sein, wer in den nächstem wem den Schwarzen Peter zuschiebt.

    (frag mal jemanden nach dem Unterschied zwischen Alpha- und Gammastrahlung, da gibt es haarsträubende Meinungen zu…)

    Dafür interessiert sich ja auch keiner, bis mal wieder was passiert ist. Und dann wird das Unwissen eher noch als Vorwurf deklariert: Warum sagt’s uns keiner, warum ist das Schulwesen so schlecht…
    Selber mal bei Wikipedia nachzuschauen, wär ja auch zuviel verlangt.

  6. Hab gestern ernsthaft die Meinung gehört, bei Gammastrahlung ist die Menge an ausgetretenem Material egal, und hinter einer Mauer verstecken hilft auch nicht weil nur Blei davor schützt.

    Zu…viel…Comics…

  7. Darum sehen Atomkraftwerke von außen ja auch wie Bleiblechhütten aus, nicht wie Betonmonster. Ist doch logisch.

    Und für Nichtphysiker die Erklärung: schwere Atomkerne (wie Blei) haben für Gammastrahlung einen höheren Wirkungsquerschnitt als leichtere; effektiv absorbiert damit eine Bleischicht mehr einkommende Strahlung als eine gleichdicke Betonschicht. Die Frage ist also nicht, lieber Blei statt Beton?, sondern wie viel Blei dieselbe Strahlungsabschwächung liefert wie eine Hauswand.

    Übrigens ist Blei ziemlich giftig; ich kann nur davor warnen, sich zuhause in Bleifolie verkleidet ins Bett zu legen. Und was mit dem Blei passiert, wenn es Strahlung absorbiert, besprechen wir dann beim nächsten Castor-Transport.

  8. [...] ausgetreten, wie und wo ist reichlich schwierig zu erklären, vor allem bei der Informationslage (Kamenin probiert es zumindest einmal). Und genau das ist das Problem: Die Informationen. Ja, es wurde zwar [...]

  9. Was bitte ist denn “Alarmismus”??
    Das Worte habe ich noch nie gehört und das ist auch nirgends zu finden und ich behaupte mal, das gibt es nicht!

    Alarm ist doch schon ein Substantiv! :)

  10. Was meinst Du denn mit nirgends zu finden? Guck mal hier oder gleich hier.
    Bin aber auch überrascht, dass die Duden-Suche nichts liefert. Aber wir spielen ja hier nicht Scrabble.

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