Wenn Wissenschaftsjournalismus einem den Finger zeigt

So schlimm ist es allerdings nicht geworden, um das gleich vorweg zu schicken. Vor einem Monat hatte ich über ein glänzend gelungenes Stück Wissenschafts-PR geschrieben, das vor allem durch die englische Presse ging, da aber ziemlich lautstark: dem amerikanischen Mediziner Stephen Badylak sei es mittels eines aus Schweineblasen extrahierten Pulvers gelungen, einen abgetrennten Finger wieder vollständig nachwachsen zu lassen. Wie gesagt, eine schöne Werbung für die Forschung des Dr. Badylak, eine hübsche Meldung für die sie verbreitenden Medien und leider mal wieder ein ziemliches Versagen kritischer Kontrollinstanzen im Wissenschaftsjournalismus. Denn was letztendlich dran ist an der Geschichte, lässt sich so leicht nicht prüfen; aber es gibt einige Verdachtsmomente, dass gar nichts dran ist. Insbesondere handelte es sich keinesfalls um einen nachgewachsenen Finger, sondern höchstens um die Fingerkuppe, vielleicht auch nur die -spitze.

Was ich damals nicht gesehen hatte, war eine schon am Tag zuvor erschienene Meldung bei Telepolis: “Das Wunderpulver, das angeblich abgeschnittene Fingerspitzen nachwachsen lässt”. In der zeigt Florian Rötzer, wie man aus der Geschichte einen vernünftigen Artikel machen kann, indem man sie skeptisch und mit Distanz betrachtet und durch die Meinungen anderer Wissenschaftler konterkariert. Und seine Leser geben ihm per Kommentarteil durchaus recht (hier und hier). Von dem (vielleicht von manchen Redaktionen erwünschten) Sensationseffekt bleibt dann zwar nicht mehr viel übrig, dafür erhält der Leser die relevanten Informationen, die er vor allem braucht, sollte das Thema andernorts doch wieder zu einer möglichen Wunderheilungs-Geschichte hochgekocht werden. Präventiv Informationen liefern gegen möglichen Wissenschaftsjournalismus — ob das von dessen Erfindern damals wohl so gedacht war?

Allein, es fanden sich auf deutscher Seite erst mal keine Abnehmer. So, wie es bei Telepolis (oder hier) stand, war es auch kaum eine Meldung, die die Relevanz- oder Sexyness-Kriterien herkömmlicher Medien erfüllen konnte. Skepsis, ob überhaupt ein Effekt da ist, macht halt die Nachricht weitgehend zunichte. Von daher ist es erst mal als gutes Zeichen zu verbuchen, dass die Geschichte in Deutschland weniger publiziert wurde. Keine Meldung ist, allem ökonomischen Beiwerk zum Trotz, für den Wissenschaftsjournalismus sicherlich besser als eine falsche. Wenn man denn noch weiß, was Wissenschaftssjournalismus eigentlich ist.

Aus reiner Nächstenliebe, nehme ich an, damit ich hier nicht ein Entschuldigungsstückchen schreiben müsse im Tenor: Deutscher Wissenschaftsjournalismus — Ich entschuldige mich, erklärten sich dann doch noch drei Zeitungen bereit, das ganze zu veröffentlichen: das Hamburger Abendblatt und, wer hätt’s gedacht, die WELT (inklusive Übernahme ins Berliner Schwesternblatt).

Beim Abendblatt titelt kan, drei Wochen, nachdem die britischen Medien ihre Berichterstattung zum Teil schon wieder berichtigt hatten, “Finger wächst wieder nach”, schreibt von einem “abgetrennten Finger”, der “komplett nachgewachsen” sei und lässt Dr. Badylak seine Methode darstellen und ganz unwidersprochen Hoffnung verbreiten, dass man in zehn Jahren wesentlich weiter sei, ganze Extremitäten nachwachsen lassen zu können. Die einzige Verankerung in der Realität im Artikel besteht darin, dass kan es schafft, nebenher zu erwähnen, dass 1,2 Zentimeter des Fingers abgetrennt waren, was aber wohl nicht ausreicht, die Darstellung über abgetrennte Finger zu relativieren oder einer möglichen Skepsis irgendwie Ausdruck zu verleihen. Was bleibt, ist der Eindruck eines medizinischen Durchbruchs mit sensationellen Möglichkeiten und heute schon ganz spannenden Erfolgen.

Dagegen ist die WELT-Berichterstattung von I. H., die neben WELT und WELT ONLINE auch gekürzt bei der Springer-Schwester Berliner Morgenpost erschienen ist, praktisch schon ausgewogen: “Forscher lassen Fingerkuppe nachwachsen”. Die 1,2 Zentimeter, woher die Zahl auch kommen mag, finden sich schon im Teaser, was zumindest dem Eindruck, da hätte sich mirakulös ein ganzer Finger nachgebildet, nicht entstehen lässt. Es gibt auch keine expliziten Spekulationen über bald schon nachwachsende Extremitäten.

Leider gibt es dennoch einiges auszusetzen an dem Artikel. Mysteriös wird durch den Patienten Lee Spievack über ein “geheimnisvolles” Pulver ausgeführt und wie sein Finger heute manchmal nach Schwein riecht. Alles vermutlich journalistische Tricks, um die Geschichte hübscher lesbar zu machen. Dabei wird aber versäumt, Kritikern denselben Raum einzuräumen. Dass es Kritik gibt, wird in zwei unglücklichen Sätzen abgehandelt:

Das Ergebnis wird von einigen Seiten kritisch betrachtet. Kollegen bemängeln, dass es keine Vergleichsstudien darüber gibt, inwieweit sich die Fingerkuppe selbst regenerieren kann.

Das Ergebnis wird sogar von ziemlich vielen Seiten kritisch betrachtet, und dass es keine Vergleiche mit anderweitig abgetrennten Fingern gibt, wenn auch vielleicht nicht in Studienform, ist wohl kaum zu glauben. Die Kritik kommt ja eben von Ärzten, die andauernd mit solchen Fingerverletzungen zu tun haben und an der Heilung hier nichts besonders revolutionäres sehen. Was vielmehr bemängelt wird, ist, dass hier ein unkontrollierter Versuch, der durch keine medizinische Methodik abgesichert wurde, derart publiziert wird. Warum hier nicht wenigstens bei örtlichen Medizinern oder auch nur Ärzten nachgefragt wird, die Ergebnisse anhand der Fotos und ihrer Erfahrungen zu beurteilen, erschließt sich mir nicht. Zumal die Informationen, die Bewertungen anderer Mediziner, auch schon einfach im Netz zu finden sind.

Ohne kritische Würdigung des Vorgefallenen wird eben auch ohne explizite Spekulation über bald mögliche Wunder ein ebensolcher Eindruck erweckt, wie man auch bei den WELT-Kommentaren nachlesen kann. Von fantastischer Botschaft ist da die Rede, “verkrüppelte Glieder einfach nachwachsen zu lassen”. Und ein anderer deutet die so halbgar vorgetragene Kritik gar ganz anders: “Sowas macht anderen natürlich Angst: Angst den Anschluss zu verpassen, weil da etwas funktioniert, wovon man selbst noch keine Ahnung hat….” Dass der Artikel nichts von der eigentlich nötigen kritischen Würdigung enthält und darum falsch verstanden wird, zeigt vielleicht am traurigsten, dass er darauf auch noch auf einer Infoseiten über Querschnittslähmung auftaucht, startrampe.net.

Dagegen ist schon unerheblich, dass die WELT, ganz Springer, dass alles zeitlich als “kürzlich” einordnet; der Vorfall mit dem Finger passierte 2002. Vielleicht wäre in dem Zusammenhang auch interessant gewesen, warum das alles jetzt (noch mal) durch die Medien geht. Am 15. März diesen Jahres starb der Bruder von Lee Spievack: Dr. Alan Spievack, Gründer der Firma, die besagtes geheimnisvolles Pulver herstellt, und damit auch ehemaliger Chef von Badylak. Das nur mal so als Information. Möchte man wirklich Menschen Hoffnung auf nachheilende Glieder machen, indem man sich nur auf eine Quelle bezieht, die mit dem Erfinder verwandt ist und heute schreibt:

What he’s done with my finger, he said it will be to this generation what antibiotics was to the last generation.

Wär mir zuwenig. Aber der Artikel wird vielleicht so etwas hübscher.

5 Antworten

  1. Mi rkommt es ja tatsächlich so vor, als ob mindestens in Deutschland “stand in der Zeitung und ich habs von nem Kollegen gehört dessen Bruder Zeitung liest” ein um Größenordnungen gewichtigeres Argument ist als “ich hab drei Sekunden nachgedacht”. Und Journalisten scheinen auch oft so zu schreiben :(

  2. Und aus Wissenschaft wird in der Art Berichterstattung was folgenlos kurioses, was alle paar Jahre neu durchs Dorf getrieben werden kann, oder was Sensationelles, das erst wirklich zeigt, wie wenig Wissenschaft eigentlich weiß.
    Vielleicht geht’s den meisten Menschen aber auch wenig ums Nachdenken, wenn die Belustigung reicht [\elitärer Kulturpessimismus]

  3. Ne, Kamenin. Das ist leider kein Kulturpessimismus.

    Es gibt einen guten Grund warum Pratchett in seinen Büchern Wissenschaftler als trottlige Zauberkünstler darstellen lässt. Denn das sind wir heute in den Augen der meisten Laien.

  4. Zauberkünstler halt ich ja fast schon für zu hoch gegriffen. Physiker sind in den Augen vieler Leute doch eher eine Mischung aus vernerdeten Elektrikern und abseitigen Philosophen, die immer noch nicht verstanden haben, dass die Welt eigentlich nicht mathematisch beschreibbar ist (weil sie so schön und bedeutungsvoll ist).
    Aber eigentlich wollen wir ja hier Laien für unsere Sicht begeistern, und sie nicht beschimpfen :-)

  5. [...] Zu alten Finger-ab-und-wieder-dran-Berichten habe ich ein mutiges Selbstexperiment am Laufen. Ganz der medizinischen Forschung verschrieben habe [...]

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