Sonntags-Predigt für die Dekonvertierten: Lakeland-Deppen in Deutschland

Todd Bentley gönnt sich eine Auszeit. [1] Das sei ihm gegönnt. Vielleicht ist der Zeitpunkt ein wenig unglücklich gewählt, weil es gerade in die Zeit fällt, für die zuvor prophezeit phantasiert wurde, dass es jetzt aber wirklich losgehe und Gottes Präsenz so stark auf die Erde kommen solle wie seit der Apostelgeschichte nicht mehr. Aber wenn man Prophezeiungen Spinnerei an der Realität überprüfen würde, wäre das ja nicht Religion sondern schon der zarte Anfang von Vernunft. Andererseits hatten sich gerade eh verstärkt herkömmliche amerikanische Medien den Vorgängen in Lakeland, Florida, angenommen, hatten Beweise gefordert, dann aber außer leeren Versprechungen nichts bekommen. Vielleicht also doch der richtige Zeitpunkt, mal kurz unterzutauchen und etwas Gras drüber wachsen zu lassen, bevor man das Ganze dann wieder erneut versuchen kann, wieder ohne Medienaufmerksamkeit, nur für die Verzweifelten, Kranken und spendenbereiten Gläubigen.

Einen 20-minütigen Hintergrundbericht (so gut das amerikanische Fernsehen das halt hinbekommt), gibt’s hier:

Man könnte das Ganze also langsam abhaken. Zumal, wenn man sich noch mal vor Augen führt, wie banal und schwachsinnig das alles war [2]:

Aber ganz so einfach ist das nun auch nicht.

Lakeland und die Deutschen Erweckungsvollpfosten

Vor zwei Monaten habe ich diesen Post über Bentley und die Lakeland-Bewegung online gestellt. Inzwischen ist der mit schon deutlichem Abstand der meistgeklickte auf dem Blog und machte in der Zeit etwa 12 Prozent aller Klicks hier aus. Nicht, weil er so groß verlinkt oder anderweitig in der Blog- und Forenwelt wahrgenommen wurde; sondern weil enorm viele in Deutschland nach Lakeland und Benteley googeln, als gäbe es kein morgen mehr (was innerhalb des Glaubenssystems keine Übertreibung ist). Insofern ist so der ganze Kokolores um einen angeblichen Wunderheiler aus Kanada dank der neuen technischen Möglichkeiten mal eine schöne Gelegenheit zu sehen, wie sich das durch unser schönes, aufgeklärtes Land zieht, in dem alles so fein pluralistisch neben- und miteinander blüht und Religion doch nur eine andere, vielleicht sogar subtilere Art von Vernunft ist als schnöde Nüchternheit.

Natürlich ist das eine Minderheit, die sich so des Webs bedient — aber in der rationalen Welt tun wir auch gerne so, als gäbe es die gar nicht. Da draußen sind genug Menschen, die das für real halten oder zumindest für möglich; die vielleicht mit einzelnen Aspekten nicht übereinstimmen oder zweifeln, aber selbst in einem Glaubenswunderland von Wundern, Engelserscheinungen und Heilungsversprechen leben wollen und nur darauf warten, dass endlich der richtige Götze vorbeikomme, dem sie dann Zeit und Geld opfern können, um endlich die ersehnte psychotische Massenbewegung zu starten.

Aber weil das Wunder von alleine nicht kommt, gibt es hierzulande auch schon diejenigen, die es dann halt selbst bringen wollen. Ich lese bei Gelegenheit einen Teil der so christlichen Blogwelt mit, und inzwischen kommen da die schon ob ihrer Nichwahrgenommenheit langsam verzweifelnden Provinzprediger und prahlen damit, wie Gott tatsächlich zu ihnen spräche, prophezeie und ihnen den Weg weise und dass es jetzt bald abr hier wirklich losgehe. [3] Diese Menschen könnten einem Leid tun — prophezeien und beten und rackern und tun und klauen hier eine Idee, da eine andere, auf dass sie nun endlich jemand wahrnehme und in ihnen den großen Verkünder entdecke –, wenn sie sich nicht gleichzeitig aufspielten (und glaubten), Menschen helfen zu wollen und die christliche Wende für Deutschland zu bringen; wenn das alles nicht schon die Kennzeichen von Autoritätssehnsucht in sich trüge und die Menschen nicht nur bescheißen und belügen wollte, für den guten Zweck, darum mit extra reinem Gewissen; wenn es nicht einfach um die Bedeutsamkeitsphantasien solcherarts christlich Gestörter ginge und nicht die ärmsten und verzweifelsten Menschen dadurch weiter verarscht werden würden.

Man kann eigentlich nur aufgreifen, was Califax schon gefunden hat:

Wenn Sie zu Gott reden, sind Sie religiös. Wenn Gott zu Ihnen redet, sind Sie irre.

Es ist natürlich unhöflich darauf hinzuweisen, dass es so Kaputte auch in Deutschland gibt. Wenn Religion sonst nichts zustande gekriegt hat, dann doch wenigstens das Denkverbot, Religion öffentlich anzugreifen; das tut man auf eigene Gefahr, geschmacklos zu wirken oder ereifert oder gar missionarisch. Das eigentlich Bedenkliche sind hier aber nicht die, die man als sozialisationsbehindert und geltungsgestört abhaken kann. Das eigentlich Bedenkliche sind die Sympathisanten, die ansonsten vollkommen Eingegliederten und Respektierten, die guten Gläubigen der etablierten Kirche, die man damit nicht in Verbindung bringen würde — die aber nicht (mehr?) das Urteilsvermögen haben, da noch zu sagen: das ist Schwachsinn. Das ist irre. Ihr spinnt. Ihr verdient keinen Respekt. Mit unserer Religion hat das nichts mehr zu tun. Sondern die auf das Ganze erst mal nur hinweisen und abwarten, ob sich da nicht was draus entwickelt, was dann einem selbst auch helfen könnte oder wo man vielleicht seinen eigenen Glauben auch mal happening-mäßig ausleben könnte.

Und dann muss man das halt als Atheist mal sagen: das ist Schwachsinn. Das ist Verblödung, Lüge und Betrug. Und wenn ihr das nicht mehr von eurer Religion trennen könnt, dann hat eure Religion und eure vorgeschobene Theologie genauso wenig Respekt verdient wie dieser Schwachsinn. Da gibt es kein “Religion hilft doch auch” oder “Michelangelo hat doch schön gemalt” oder “Religion und Vernunft unterstützen sich eigentlich”; sondern einfach nur: Religion gebiert Schwachsinn, und gerade Du beweist das eben jetzt.

Und obwohl man als Atheist dazu eigentlich auch ‘Danke’ sagen könnte, wird einem doch schlecht bei dem ganzen Schauspiel.

[1] Mit Dank an Kommentatorin Germaine für den Hinweis.

[2] Möge jeder selbst entscheiden, ob er die Kommentierungen lustig oder genauso bedenklich findet. Esoterikchristizisten, die sich gegenseitig beschuldigen, falsche Propheten zu sein (als hätte es je echte gegeben), falsche Engel anzubeten und überhaupt das Satans zu sein.

[3] Auf Verlinkung verzichte ich bewusst. Das ist selbst mir inzwischen zu widerwärtig. Um es bei dieser milden Formulierung zu belassen.

3 Antworten

  1. “Das eigentlich Bedenkliche sind die Sympathisanten, die ansonsten vollkommen Eingegliederten und Respektierten, die guten Gläubigen der etablierten Kirche, die man damit nicht in Verbindung bringen würde — die aber nicht (mehr?) das Urteilsvermögen haben, da noch zu sagen: das ist Schwachsinn. Das ist irre. Ihr spinnt. Ihr verdient keinen Respekt. Mit unserer Religion hat das nichts mehr zu tun. Sondern die auf das Ganze erst mal nur hinweisen und abwarten, ob sich da nicht was draus entwickelt, was dann einem selbst auch helfen könnte oder wo man vielleicht seinen eigenen Glauben auch mal happening-mäßig ausleben könnte.”

    Ich glaube, dass der Grund für die nicht ausgesprochene Ablehnung eine Art Glaubensneid ist: das unterschwellige, unangenehme Gefühl, sie sollten Heilungen durch Beten (oder Bauchtritte, je nach dem) für möglich halten können – wenn sie denn “unbedingt” glauben würden. Schließlich glauben sie doch angeblich an einen persönlichen Gott, der wenigstens ab und an ins Weltgeschehen eingreift; warum also nicht auch mal in der Form einer Heilung?
    Zudem würden sie mit öffentlich geäußerter Kritik zugeben, dass Rationalität und Skepsis eine legitime Herangehensweise an religiöse Phänomene/Glaubensinhalte ist. Wenn man bei Gebets- und Wunderheilungen nach Belegen fragt, kann man viel schwerer verteidigen, warum man anderes, das nicht weniger irrational ist, ohne jedes Hinterfragen glaubt.

  2. [...] Und auch Intelligenzforscher sind der Ansicht, dass es einen umgekehrt proportionalen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Religiosität gäbe. Diese These wird in ihrer Umstrittenheit der steilen These gleichgesetzt, dass es einen Zusammenhang zwischen Ethnie und Intelligenz gäbe – doch auch hier gilt wieder das gleiche Problem wie oben: Ethnie ist keine Sache mehr oder weniger freiwilliger Wahl und auch keiner Argumentation und Entwicklung zugänglich. Ethnie ist angeboren – der Glaube an Jesus Christus Auferstehung, die Himmelfahrt des Propheten und den “Sündenfall” keinesfalls. Das ist ebensolch kranker Schwachsinn, wie “Purity balls” und “Faith healing“. [...]

  3. Schließlich glauben sie doch angeblich an einen persönlichen Gott, der wenigstens ab und an ins Weltgeschehen eingreift; warum also nicht auch mal in der Form einer Heilung?

    Als guter Ex-Katholik und vor allem als langjähriger Fußball-Abergläubler sehe ich da aber schon einen Unterschied. Ein irgendwie im Abstrakten eingreifender und den Weltenlauf steuernder imaginärer Freund ist lange noch nicht einer, der sich für so eine Verarsche hergibt. Man hat ja da auch Eitelkeiten und Anforderungen, welche Art von Höherem Wesen einem selbst mal helfen soll, wenn’s eng wird.

    Von daher habe ich jedes (menschliche, nicht rational entschukdigende) Verständnis für die verzweifelten Väter, die mit ihrem todkranken Kind zu sowas pilgern. Die sind immer noch geschädigt; aber so eine Situation ist dann auch nicht der natürliche Auslöser die Geschichten zu hinterfragen, in die man reinerzogen wurde.
    Es sind die anderen, die mir schlecht werden lassen. Die Organisatoren und die, die allein deswegen damit sympathisieren, weil sie neidisch sind, wie “toll” manche doch glauben — die Verzweiflung entweder ausnutzen, für ihre eigene Profilierung ausnutzen wollen oder sie fast schon als ästhetischen Akt sehen.

    Es gibt da eine Art von Glaube, der sich auf Heilung und Hilfe beruft und nicht mehr mitbekommt, dass er die Menschen nur noch zu Schachfiguren für die eigenen Phantasien und Pläne erniedrigt. Und das Ganze vielleicht noch Demut nennt.
    Das ist nicht besser, als ein Geschäft mit Verzweiflung machen zu wollen, auch wenn es im Einzelfall gar nicht immer um Geld gehen muss.

    Aber ich rede mich da schon wieder in Rage, und Du bist da wohl nicht die richtige Adressatin für ;-)

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