Industrie ist und schafft Kultur: Hoheward-Ruhrgebietspanoramen

zeche_recklinghausen_ii_vrsDie großen Worte kann ich mir mal sparen: die, über eine Zeit, als Deutschland noch nicht Bildungsoffensiven brauchte, sondern Energie und Rohstoffe und dabei möglichst noch ein bisschen Geld für den Strukturwandel im versumpften Agrarsüden der Republik. Hat ja auch alles geklappt, damals, und heute ist eine andere Zeit. Heute haben die Pütts zugemacht, die Fördertürme stehen unbenutzt und die Kraftwerke lassen ihre Kohle lieber aus ein paar tausend Kilometern Entfernung herbeibringen, um sie zu verfeuern, als aus eintausend Metern Tiefe.

Übriggeblieben sind die Anlagen und Bauten und Unmengen von Abraum, den man einst aus der Tiefe geholt hat. Und der Ruhrgebietler macht das draus, was er nun mal kann: das Beste. Die Zechen werden zu Museen, die Gasometer zu ansonsten unvorstellbaren Ausstellungsräumen und die Abraumhalden zu Naherholungs- und Kulturgebieten. Eine der größten davon ist die Halde Hoheward. [1]

Halde Hoheward mit Horizontobservatorium
Halde Hoheward mit Horizontobservatorium

Die zwei Bögen sind neu und markieren die Nord-Süd-Richtung (der senkrechte) und den Verlauf des Himmelsäquators. Beide gehören zum gerade eingeweihten Horizontobservatorium, das einen eigenen Post hier verdient und ein wesentlicher Teil des Konzeptes ist, die Halde zum Astronomischen Landschaftspark umzufunktionieren. Aber bevor ich mich mit dem jahreszeitlichen Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne beschäftige, zeige ich erst mal, was man sonst noch von da oben sehen kann. Das Ding ist immerhin etwa 150 Meter hoch.

STEAG-Heizkraftwerke Herne und Blick bis nach Bochum
STEAG-Heizkraftwerke Herne und Blick bis nach Bochum

Unweit der Halde steht hier das STEAG-Heizwerk am Rhein-Herne-Kanal [2], als Beispiel für Dutzende von Kraftwerken, die quer durch das Ruhrgebiet verteilt sind. Im Hintergrund sieht man den Bochumer Fernsehturm an der hier schon mal erwähnten Castroper Straße, unweit des kaum auszumachenden Ruhrstadions, das heute den unvergleichlich beschränkten neumodischen Namen rewirpower STADION trägt und dessen Flutlichtmasten, wenn mich nicht alles täuscht, man gerade so am Horizont noch erkennen kann.

Blick nach Südwesten mit Gelsenkirchen und Essen
Blick nach Südwesten mit Gelsenkirchen und Essen

In dem Wald von Strommasten, Fördertürmen und Schornsteinen erhebt sich schließlich die Innenstadt von Gelsenkirchen und dahinter, am Horizont, die von Essen.

Schalke-Arena, am Horizont Bottrop und Duisburg
Schalke-Arena, am Horizont Bottrop und Duisburg

Stolz und dem Augenschein nach uneinnehmbar ragt sie empor, die Kevin-Kuranyi-Torschuß-Gedächtnishalle Schalke-Arena, inklusive der zwei noch erhaltenen Flutlichtmasten des alten Parkstadions ganz rechts. Links sieht man am Horizont noch die verschwommenen Umrisse des Tetraeders auf der Halde Beckstraße in Bottrop. Sollte sich das mit der Wirtschaftskrise doch als noch bedrohlicher als angenommen rausstellen, verfügt das Ruhrgebiet durch solche Bauten inzwischen über ein sehr schnell in Betrieb zu nehmendes 0,02-Baud-optisches-Kommunikationssystem.

Rechts hingegen steht am Horizont das Kraftwerk in Duisburg-Walsum am Ufer des Rheins. Der eigentlich Besiedlungskern des Ruhrgebiets beginnt im Westen in etwa da, verläuft im Süden über Essen und Bochum und schließt im Osten entlang einer Linie Witten — Bochum — Castrop-Rauxel ab (manche zählen noch etwas abgelegene Städte wie Hagen und ähnliches dazu). Von dem Beobachtungspunkt im Norden des Ruhrgebiets kann man das alles zumindest prinzipell überschauen. Und wendet man den Blick nach Norden, sieht man …

Recklinghausen, Hochlarmark rechts, Hochlar links, Zentrum mittig
Recklinghausen: Hochlarmark rechts, Hochlar links, Zentrum mittig

… Recklinghausen (vorgelagerte Stadtteile, Zentrum in der Entfernung mittig [3]), und auch, wie sich die Landschaft zu verändern beginnt. Nicht umsonst ist der Kreis Recklinghausen auch das Tor zum Münsterland. Die Türme in der Entfernung sind auch keine Schornsteine mehr, sondern Windräder. Und die Hügelkette am Horizont ist die Haard, die ihrerseits zum Naturpark Hohe Mark gehört.

Dahinter kommen Menschen mit anderen Traditionen, anderer Geschichte und anderem Stolz.

[1] Von der ich, ungelogen, vor einer Woche den Namen nicht kannte, weil es eben „die Halde“ war. Die hinter dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. So viele gibt’s um die Ruhrgebietsstädte jetzt auch nicht, dass man die im Alltag namentlich unterscheiden oder herzig benennen müsste.

[2] Siehe [1], „das Kraftwerk“, respektive auch „der Schornstein“. Für Südrecklinghäuser eine Landmarke wie für den Mitteberliner vielleicht der Fernsehturm am Alex, wenn auch weniger besungen und gefeiert. Willkommener Anlass, die Heimat zu preisen, wenn er sich nach vielstündiger Fahrt am Rande der A43 oder A42 erhebt.

[3] Das Recklinghausen, das der Focus/Burda-Verlag/ScienceBlogs-Sponsor immer mal wieder in der Vergangenheit als „langweiligste Großstadt Deutschlands“ diffamiert hat. Was schon schlimm genug wäre, wenn man es wenigstens ernsthaft bestreiten könnte.

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