Schlechter Boulevard-Wissenschaftsjournalismus ist meistens nur ein Ärgernis für diejenigen, die es besser wissen wollen — oder auch Anlass zur Erheiterung für die, die es eh schon besser wissen. Schlechter Boulevard-Wissenschaftsjournalismus über Medizin ist dagegen in Einzelfällen schon verantwortungslos und potenziell sogar gefährlich. Das gilt umso mehr, wenn man über sensible Bereiche schreibt, in denen der Laie dazu noch im besonderen Maße auf Information angewiesen ist, weil er letztendlich auf der Grundlage persönliche Entscheidungen treffen muss: etwa das Impfen. Schlechter Journalismus ist da nur einen kleinen Schritt entfernt von aktiver Desinformation.
Ein nicht mehr schönes Beispiel ist ein aktueller Artikel auf SPIEGEL ONLINE über die Gebärmutterhalskrebs-Impfung, der sich dem Augenschein nach allein auf dpa-Angaben und möglicherweise eine oberflächliche Lektüre des Abstracts der besprochenen Publikation von Slade et al. stützt, in der die zur Verfügung stehenden Daten über Nebenwirkungen eben der HPV-Impfung analysiert werden. Es findet sich im ganzen zusammengestoppelten Artikel keine einzige Information, die darauf hindeuten würde, dass sich jemand mit der Veröffentlichung selbst beschäftigt oder auch nur ein wenig Recherche in den Artikel gesteckt hätte.
Das beginn damit, dass an keiner Stelle die aufgeführten Daten verständlich und mit der nötigen Sorgfalt in den größeren Zusammenhang der Anzahl von ausgegebenen Impfungen gesetzt werden. Das ist einer der wenigen Fälle, wo man im SPON-Forum zum Artikel inzwischen besser informiert wird als vom Artikel selbst. Wer sich aus zeitlichen Gründen (oder aus solchen geistiger Hygiene) aus SPON-Foren fernhält, wird die sinnlos berichteten Prozentangaben nur verstehen, wenn er die Sorgfalt beim Lesen aufbringt, die dpa und SPON beim Schreiben nicht für nötig befanden. Oder er wird sie automatisch als Angaben über das prozentuale Auftreten von Nebenwirkungen verstehen. Auch das kann man wunderbar im Forum wiederfinden.
Schlimmer, es ist dann nur eine nebensächliche, isoliert dastehende Bemerkung, dass 32 Todesfälle im Zusammenhang mit den 12.000 untersuchten Impfberichten aufgetreten sind. Das scheint dem Autor keiner Nachfrage oder auch nur kurzer Recherche würdig zu sein, und da zweifle ich langsam wirklich daran, ob er überhaupt reflektiert hat, was er da schreibt. Es ist kein Wunder, dass sich unser Impffreund von spiegelblog.net (ähhm, kamenin berichtete) genauso unverständig auf die nicht erklärten Daten stürzt, auf banalste Weise hochrechnet und sodann von zigtausend Impftoten in Verbindung mit der HPV-Impfung in den USA fabulieren kann:
Und legt man nun 32 Todesfälle bei 12.000 Personen zugrunde, so käme man auf ca. 20.000 Todesfälle bei 7,5 Millionen Geimpften.
Es mag bedauerlich sein, sollte man bei SPON vielleicht keinen Zugriff auf JAMA-Artikel haben, dem Journal of the American Medical Association, und trotzdem einen Artikel dazu verfassen will oder muss. Aber dann braucht man auch kein Journalistik- oder Biologiestudium und kein kabbalistisches Hintergrundwissen, wo man sich am besten sonst informieren könnte, um wenigstens ein paar Stichworte in die Suchmaschine seiner Wahl einzutippen. Schon der erste Link nach dem eigentlichen Paper führt einen dann zur American Cancer Society, in der die relevanten Informationen eingeordnet und erklärt werden, auch über die in zeitlicher Verbindung zur Impfung aufgetretenen Todesfälle [1]:
By late 2008, more than 20 million doses of the vaccine had been distributed in the United States. (…) As of December 31, 2008, the Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) had received a total of 12,424 reports of potential side effects following HPV vaccination. (…) About 6% of those reports were serious side effects, about half of the average for vaccines overall.
There have also been 32 cases of death after vaccination reported to VAERS. Each death has been reviewed, and there was no common pattern to the deaths that would suggest they were caused by the vaccine. When there was an autopsy, death certificate, or medical record, the cause of death was explained by factors other than the vaccine. Some causes of these deaths include drug abuse, diabetes, viral illness, blood clots, and heart failure. An unusual neurologic illness caused 2 of the deaths and these deaths are being studied further.
VAERS wurde eben dafür geschaffen, um Nebenwirkungen von Impfungen zu untersuchen. Und eben das ist die größte Schwachstelle des Artikels. Anstatt darzustellen, in welchem Ausmaß Impfungen heute auf ihre Nebenwirkungen untersucht werden, vor und nach der Zulassung, und eine realistische Einordnung der Zahl der aufgetretenen Nebenwirkungen zu versuchen, erzeugt der zentrale Absatz des SPON-Artikels genau den gegenteiligen Eindruck:
12.424 Datensätze werteten die Wissenschaftler aus. In etwa sechs Prozent der Fälle traten schwerere Nebenwirkungen wie Ohnmachtsanfälle, Blutgerinnsel, starke allergische Reaktionen oder Autoimmunstörungen auf. Es gab 32 Todesfälle. Alles in allem war die Rate der Nebenwirkungen denen anderer Impfstoffe vergleichbar.
Wer da nicht verstanden hat, dass die 12.000 Datensätze eben schon die gesamte Zahl der gemeldeten (möglichen!) Nebenwirkungen darstellt und es mit einer repräsentativen oder zufälligen Auswahl an Erfahrungsberichten aller Impfungen verwechselt (s. SPON-Forum, s. das sog. SPIEGELblog), hat dadurch nicht nur ein völlig falsches Bild von der Gefährlichkeit der HPV-Impfung erhalten und dazu den im Artikel nie widersprochenen Eindruck, es käme regelmäßig im Zusammenhang mit der Impfung zu Todesfällen. Durch den netten Zusatz wird das gleich noch als für alle Impfungen absolut normal dargestellt.
So schafft man Mythen bei oberflächlich lesenden Laien, die wunderbar von interessierten und engagierten Impfgegnern weiter verbreitet und weiter ausgeschmückt werden können. Manchmal wäre gar kein Wissenschaftsjournalismus besser als solch einer.
Nachtrag, 21.09.: Der, ähm, SPIEGELblog (wir berichteten) hat den mathematisch ganz absurden Stuss inzwischen ohne Kennzeichnung gelöscht bzw. überarbeitet, aber ansonsten nichts an der Aussage geändert, dass das ja alles ein Skandal sei.
Nachtrag, 10.10.: Nach kurzer Kommunikation wurde der ursprüngliche Artikel inzwischen abgeändert und macht jetzt deutlich klar, wie die Zahlen einzuordnen sind bzw. zu was sie in Relation zu sehen sind.
[1] Die können sinnvoll nur zur Gesamtzahl der bis dahin verabreichten Impfungen in Bezug gesetzt werden, nicht zu den 12.000 Berichten über mögliche Nebenwirkungen. Schlimmstenfalls müsste man eine Korrektur vornehmen, die beschreibt, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Arzt einen solchen Todesfall tatsächlich in einem System meldet, das gerade für solche Meldungen geschaffen wurde. Wer von 32 Toten bei 12.000 Personen spricht, sollte vor Scham… oh, Pardon. Kategorienfehler.
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Hallo kamenin,
welcome back! War ja eine lange Auszeit.
Kann man gratulieren?
Ich freue mich jedenfalls, wieder neue Beiträge von dir zu lesen.
mfg georg
Danke!
Man kann mir natürlich immer gratulieren, aber im Moment noch zu nichts bestimmtem :)
[...] ich oder was? Ich muss mal zwingend auf folgenden Beitrag von kamenin hinweisen: Menschen sterben. Auch wenn sie geimpft wurden. Ich kann da nur sagen: lesen und verstehen. Und [...]
Sehr schöner Beitrag.
Schön, dass Du das auch so siehst. Dieser SPON-Artikel ist an Dämlichkeit wirklich kaum zu überbieten.
http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=283
[...] “Menschen sterben. Auch wenn sie geimpft wurden“, Begrenzte Wissenschaft, 20.08.2009 [...]
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Darum soll JEDER ein Grundeinkommen erhalten!
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